| 1. Warum können wir hoffen? |
Offenbar hat die Evolution dem Menschen als einzigem irdischen Lebewesen die Fähigkeit verliehen, über zukünftige Ereignisse nachdenken, besser gesagt, "vordenken" zu können. Diese Fähigkeit ist nicht zufällig entstanden als Abfallprodukt, sie hat sich aus Notwendigkeiten und Möglichkeiten entwickelt, weil sich bereits ihre ersten Ansätze als äußerst vorteilhaft erwiesen.
Welchen Vorteil verschafft die Hoffnung uns als Menschen?
Genügt es, die Fähigkeit zu hoffen, nur aus biologistisch-evolutionistischer Sicht zu betrachten oder spielen hier noch ganz andere Fragen eine Rolle, die wir noch gar nicht bis auf den Grund durchschaut haben?
Wenn uns diese Fähigkeit sozusagen "in die Wiege gelegt" wurde, was machen wir aus ihr?
Die Frage nach dem "warum" muß deshalb wohl ergänzt werden durch die Frage nach dem "wozu?"
Wozu können wir hoffen?
Auf welches Ziel hin können wir hoffen? Gibt es auch eine "beste denkbare Hoffnung"?
Im Christentum ist das Paulus-Wort (1. Korinther 13, 13) sehr bekannt, in dem er von "Glaube, Hoffnung, Liebe" als die drei Grundtugenden der Christen spricht.
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| 2. Hoffen und Befürchten |
Über die Zukunft, über mögliche zukünftige Ereignisse nachzudenken, bietet zwei Wertungsmöglichkeiten an:
sie können als angenehm, begrüßenswert und gewollt oder als unangenehm bis furchtbar, ungewollt und verabscheuungswürdig wahrgenommen werden.
Natürlich kann man - wenn man die Fähigkeit des Menschen zur "Zukunftsschau" untersuchen will - nicht einseitig die Hoffnung betrachten. Auch das "Befürchten", die sorgenvolle Zukunftsschau gehört dazu.
Letztlich hängen beide Extreme mit der Tatsache zusammen, daß Zukunft ein breites Möglichkeitsspektrum bietet, von der extrem ungünstigsten bis zur "denkbar besten" Zukunftsvariante.
Auch das Befürchten ist natürlich wichtig.
Hoffen hingegen ist "erwartungsvolle Zukunftsschau".
Beide Sichtweisen auf mögliche Zukunft - das Hoffen und das Befürchten - unterscheidet die Optimisten und die Pessimisten.
In den letzten Jahren ist eine Art "Angst vor Hoffnung" aufgetreten bei oft gleichzeitigen Rufen nach mehr Optimismus. Ein Mensch, der mit "Alles-wird-gut"-Parolen in die Zukunft schaut, wird belächelt, verspottet oder sogar angegriffen:
"Du
Utopist, du Phatast! Siehst du nicht, wie furchtbar, wie leidvoll die Welt ist, wie viele (unlösbare !) Probleme es auf der Welt gibt. Deine Hoffnungen sind so naiv, weltfremd, albern. Komm endlich auf den Boden der Tatsachen zurück."
Hoffnungen - so scheint es - haben nur Platz in kurzen Lebensabschnitten und höchstens im individuellen Bereich:
Hoffen auf ein gutes Zeugnis, die begehrte Lehrstelle, den Traumpartner, ein Haus, Auto, Kind, normale Wunscherfüllungen eben.
Doch alles wird ständig überschattet von einer "latenten Hoffnungslosigkeit" einer ungewissen, womöglich gefährlichen Zukunft, des individuellen Todes oder sogar des möglichen Untergangs der Menschheit.
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| 3. Eine kleine Sprach-Betrachtung |
Einzelne Worte, die mit Hoffnung zusammenhängen:
- desiderium – das Erwünschte, Erwartete
- docta spes – begriffene Hoffnung
Das Wort "Wüst" hängt mit „wahn“ zusammen und bedeutet sowohl Hoffnung, Meinung als auch „leer“.
Ich interpretiere es so:
Hoffnung ist das zu füllende noch leere, der aufgespannte Möglichkeits-Raum, in den hinein etwas geschehen kann. Hoffnung muß "sich er-füllen" können, sonst wird sie zur "falschen Hoffnung". |
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| 4. Das Geschäft mit der Hoffnung |
Jede Fähigkeit und jedes Bedürfnis der Menschen muß befriedigt werden, irgendwie, gut oder schlecht. Auch die Fähigkeit, hoffen zu können, verlangt nach Befriedigung.
Dieses Geschäft scheint eines der lukrativsten überhaupt zu sein. Entsprechend breit ist das Spektrum der Berufe, die sich mit der Dienstleistung am "hoffenden Kunden" befaßt.
Da dieses Thema sehr ausführlich ist, habe ich ihm inzwischen eine extra Seite gegeben:
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siehe hier
im
ABC Zukunft > Hellseher |
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| 5. "Guter Hoffnung" sein - der Zukunfts-Sinn der Frauen |
"Guter Hoffnung" zu sein, hat eine ganz spezifische Bedeutung: man sagt es nur über Frauen, die schwanger sind. Es ist erstaunlich, daß sich diese Bezeichnung entwickelt hat. Denn früher war es für viele Frauen eher ein Fluch, schon wieder schwanger zu sein, wenn das Essen kaum für die schon lebenden hungrigen Mäuler reichte.
Andererseits wird ja gelegentlich darauf verwiesen, daß "Kinder unsere Zukunft" sind. Man hofft, daß es "ihnen besser geht", daß sie das eigene, vielleicht erst angefangene Lebenswerk fortsetzen werden. Vieles von dem, was wir heute tun, hat ja nur wirklich Sinn, wenn es eine Zukunft hat. Wozu sonst sollten Bücher geschrieben, Kunstwerke erschaffen, wissenschaftliche Erkenntnisse gesammelt werden, wenn nicht auch in dem Gedanken, daß sie zukünftigen Generationen nützlich sein könnten.
Von S. Kirkegard (1813 – 1855) stammt der Spruch:
„Schwanger sein heißt,
guter Hoffnung sein
und Hoffen heißt,
die Möglichkeit
des Guten erwarten.“
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Welchen Vorteil bietet es aus Sicht der Evolutionstheorie, die Fähigkeit zur Hoffnung herauszubilden?
In dem Lexikon "Das geheime Wissen der Frauen" von Barbara G. Walker stieß ich auf eine Stelle (im Suchwort "Mutterschaft"), in der von dem "Zukunftssinn" der Frauen gesprochen wird. Begründet wird das mit der Sorge um die Kinder. Angemerkt wird dort, daß Männer "nur in Ausnahmefällen" zu einem solchen Zukunftssinn fähig sind.
Die Fähigkeit, nach der Zukunft zu fragen, sie sich vorzustellen und zu hoffen, daß sie "besser" wird, ist offenbar den Menschen "angeboren".
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Quellenangaben siehe Quellen |
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| 6. Hoffnungslos |
"Einen hoffnungslosen Fall" - so nennt man wohl eher Menschen, bei denen von außen kein guter Einfluß mehr möglich ist: der Schüler, der nicht bereit ist zu lernen, die Tochter, die ihr Zimmer nie aufräumt, der Ehemann, der das Fremdgehen nicht läßt - die Kette der Beispiele ließe sich beliebig fortführen.
In einer "hoffnungslosen" oder aussichtslosen Lage befindet sich ein Mensch, dem kein Handlungsspielraum mehr gegeben ist. Ein zum Tode verurteilter Mensch, ein totkranker Mensch, ein Mensch, der irgendwo eingesperrt ist oder verloren im Urwald oder der Wüster umherirrt - sie alle wissen: jetzt gibt es nichts mehr, worauf sie hoffen können: jetzt ist das Ende nahe. Sie können sich nur noch mit ihrer Situation abfinden.
Oft genügt schon eine Ehescheidung oder der Verlust des Arbeitsplatztes, eine schlimme Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag, um Menschen in Hoffnungslosigkeit zu stürzen. Meist finden sie allein nicht mehr heraus, brauchen die Hilfe der Familie, von Freunden oder auch ärztliche Hilfe.
Der Pessimist gehört nicht in dieses Thema: sein Lebensprinzip heißt "Hoffnungslosigkeit" - unabhängig von den äußeren Umständen.
Ihm steht der "unverbesserliche Optimist" gegenüber, der so etwas wie "Galgenhumor" besitzt und selbst in der scheinbar ausweglosesten Situation sich nicht aufgibt.
Die Buddhisten haben diese Fähigkeit zu einem ihrer grundlegendsten Prinzipien gemacht: der "heiteren Gelassenheit". Sie hilft, mit allen Lebensumständen, auch den hoffnungslosesten, umgehen zu können.
Der Volksmund sagt, man kann alles verlieren: Gesundheit, Besitz, Arbeit, man kann ganz tief fallen - nie ist man schon deshalb verloren. Es gibt nur eine Situation, in der der Mensch wirklich verloren ist: im Zustand der Hoffnungslosigkeit. |
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| 7. Das Prinzip Hoffnung |
Immer mal wieder zitieren Journalisten dieses "Prinzip Hoffnung" in ihren Texten. Es macht sich gut als Überschrift, um Aufmerksamkeit auf den Artikel zu lenken. Oft wird dabei Hoffnung ironisch-verzerrt gesehen, verspottet, als naiv oder Irrtum hingestellt.
Es steht zu befürchten, daß viele von diesen Schreibern gar nicht mehr wissen, woher diese Formulierung stammt. Da hat man mal ein Schlagwort aufgeschnappt und kann damit angeben - so wirkt es bei manchem, der vom "Prinzip Hoffnung" spricht.
Ein sehr umfangreiches Buch von Ernst Bloch trägt diesen Titel:
"Das Prinzip Hoffnung"
Darin geht es nicht nur um psychologische Fragen wie Wünsche, Tagträume, um Triebe des Menschen und utopischer Bilder in der Geschichte, es geht nicht nur um das Verhältnis von Möglichkeit und Wirklichkeit, um Utopien usw., es geht auch um "Grundrisse einer besseren Welt": um Sozialutopien, technische Utopien, und es geht um die "Macht der stärksten Nicht-Utopie: den Tod".
In der Inspiration durch dieses Buch und in der Auseinandersetzung mit ihm entstand das folgende Buch:
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| 8. Die Theologie der Hoffnung |
Die Theologie der Hoffnung
von Jürgen Moltmann.
Der enge Zusammenhang zwischen Hoffnung und Religion wird genau an dieser Frage, die Bloch verneint, deutlich, an der Frage, ob die Hoffnung auf ein Jenseits realistisch ist oder nur eine "falsche Hoffnung", die die Menschen vertröstet, ihnen hilft, das sinnlose, mühevolle Erdendasein zu ertragen.
Jetzt seien diese beiden "Hoffnungs-Strategien" nur erwähnt, langfristig plane ich, auch zu diesen beiden Büchern kurze Informationen in den "Fremdtexten" zusammenzustellen.
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