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15. 03. 2009
Gänseblümchen
Heitere Zukunft
Ein Zukunftsmodell stellt sich vor - Gibt es eine denkbar-machbar beste Zukunft?
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Anarchie
 
Anarchie
Bedeutet Anarchie das gleiche wie Chaos? Brauchen wir in Zukunft noch Macht und Herrschaft?

Anarchie ist ein "schlimmes" Wort. Was steckt hinter der Verteufelung der Anarchie?

  1. Nachrede:  "Anarchie"  ist gar heftig in Verruf geraten
  2. Sprachbetrachtung: wörtliche und übertragene Bedeutungen, was verstehen moderne "Anarchisten" unter Anarchie
  3. Anarchien in der Geschichte
 
  5. Die Autorität Goethe über eine anarchistische Staats- bzw. Gesellschaftsauffassung
zur These 6. Eine Behauptung: Nur faule Untertanen brauchen einen starken Staat
7. "Jeder kann machen, was er will - oder es versuchen" - anarchistischer geht es wohl kaum. Die Idee der "heiteren Zukunft" fragt, wie aus der freien Selbstbestimmung des Menschen heraus eine Haltung der Verantwortung für die Gemeinschaft entwickelt werden kann.

1. Nachrede
Das Wort "Anarchie" ist  heftig in Verruf geraten.  Ein "Anarchist", das klingt fast schon so gefährlich wie "Terrorist". Beiden gemeinsam, dem Anarchisten wie dem Terroristen, ist wohl, daß sie bestehende Zustände völlig in Frage stellen. Der Terrorist antwortet auf staatliche Gewalt mit individueller Gewalt, der Anarchist verlangt einen Zustand der Gewaltlosigkeit. Getreu seiner Forderung ist der Anarchist also der friedlichste und ungefährlichste Mensch, den man sich denken kann. Trotzdem wird er als Staatsfeind angesehen: er stellt staatliche Macht und staatliche Strukturen in Frage.
Irgendwie ist es schon paradox: ein absolut gewaltfreier und friedlicher Mensch erscheint als Feind von etwas. Aus Sicht des Anarchisten ist jeder Gewalt menschenfeindlich.

Wie verhält sich ein Anarchist gegenüber Terroristen? Verlangt er, ihnen ebenfalls "gewaltfrei" gegenüber zu treten?
Martin Luther King und Mahatman Gandhi waren wohl Anarchisten. Dem Terror der englischen Fremdherrschaft haben sich Inder unter Gandhis Führung gewaltlos entgegengestellt - und gesiegt. Vermutlich hat dieser gewaltlose Widerstand weniger Blut gekostet als ein Widerstand mit Waffengewalt.

Viel üble Nachrede und viele Vorurteile begleiten den Anarchismus seit seiner Geburtsstunde.
Ich will hier einige moderne "anarchistische" Vorstellungen notieren. Doch zuvor werfe ich einen Blick in die Bedeutung und Geschichte des Wortes:
 
2. Sprach-Betrachtung
Um es gleich vorwegzunehmen. Anarchie ist eine sehr weibliche Auffassung von Macht bzw. Machtlosigkeit.  Das steht natürlich in keinem Wörterbuch oder Duden so, im Gegenteil. Es gibt da ein auffälliges Rumgeeiere, um zu verdecken, daß die eigentliche Idee des Anarchismus eine machtfreie, "führerlose" Organisierung der Gesellschaft ist.
Im "Duden 7" (Quellenangabe siehe rechts) beispielsweise wird es vom griechischen Wort für "führerlos, zügellos" abgeleitet. Dabei wird offenbar mit der modernen Bedeutung des Wortes "zügellos" gespielt. Nur nebenbei wird angedeutet, daß es sich als verneinend aus dem griechischen Wort "archein", was "vorausgehen, Führer sein, herrschen" bedeutet, gebildet hat.
Die moderne Bedeutung ist "[Zustand der ] Herrschaftslosigkeit; Zustand, in dem die Staatsgewalt nicht ausgeübt wird, politisches, wirtschaftliches, soziales Chaos."
Duden 7 siehe Quellen
 
Bemerkenswert an der modernen Bedeutung und der sprachlichen Herleitung ist, daß eine formal-logische Gleichsetzung eines "führerlosen" Zustandes mit "Chaos" erfolgt.    

Dieser Frage lohnt es also, einmal genauer nachzugehen: Was bedeutet es, wenn es einen "Führer" gibt, was ist modernes Demokratieverständnis (soll ja "Volksherrschaft" heißen), und wäre eine "führerlose" Gesellschaft automatisch zu Chaos verurteilt?
 
3. Anarchien in der Geschichte
Es gab bereits Gesellschaften, die man als "klassische Anarchien" bezeichnen kann - und die "trotzdem" funktionierten:
matriarchale Strukturen waren, wie Heide Göttner-Abendroth schreibt "regulierende Anarchien"
siehe  in
"Weg + Ziel"  > 
Ideengeschichte >
weibl. Ideen
   Selbst die Bibel weiß von einer solchen Zeit zu berichten:

"Zu der Zeit war kein König in Israel; jeder tat, was ihm recht dünkte."
aus dem Alten Testament, Buch der Richter, Kapitel 21, Vers 25
 
Karl Marx spricht  in seiner Analyse der ökonomischen Verhältnisse der kapitalistischen Gesellschaftsformation von der "Anarchie der Warenproduktion".
 
 
4. Lenin und das Absterben des Staates
Die Idee des Sozialismus und Kommunismus geht davon aus, daß ein Staat im herkömmlichen Sinne in diesen Gesellschafts-Strukturen immer weniger benötigt wird und schließlich "abstirbt". Er "hebt sich selbst auf". Das ist ein sehr dialektischer Gedanke. Das Aufheben (das Verschwinden) des Staates kann in zwei Formen geschehen:

1. wie es offiziell mit Anarchie definiert wird: es tritt ein "führerloser", "zügelloser", "chaotischer" Zustand ein, weil die Regierung handlungsunfähg ist. So etwas ist in Zeiten von Regierungskrisen möglich, wie z. B. während der Weimarer Republik: offiziell gab es den Staatsapparat, die Regierung, doch sie war an Händen und Füßen gefesselt, nicht durchsetzungsfähig. Nach der Wende erlebten wir z. B. hier in Sachsen-Anhalt etwas ähnliches: Durch ständigen Wechsel von CDU- und SPD-Regierung war die nächste immer nur damit beschäftigt, die Beschlüsse der vorherigen aufzuheben. Das Chaos, das daraus entstand, war besonders schlimm an den Schulen zu spüren. Die Lehrer  bekamen ständig neue Vorschriften, so daß ein ruhiger und kontinuierlicher Unterricht nicht mehr möglich war.
In der Weimarer Republik führte diese fehlende Durchsetzungskraft zu den bekannten Folgen: Aus dieser chaotischen, scheindemokratischen Situation heraus konnte nur ein "starker Mann" die Handlungsfähigkeit wieder herstellen. Auch heute schreien schon wieder viele nach einer solchen Autorität, nach einem "Führer" ...,

2. Solche Zustände sind aber nicht gemeint, wenn vom "Absterben des Staates" geredet wird. Lenin meinte damit, daß der Staat eher als Lehrer wirkt und seine Aufgaben in die Selbstverwaltung der Bürger übergehen - ohne Gesetze, Vorschriften und Kontrolle von oben. Er meinte, daß in einer solchen verantwortlichen Haltung der Bürger gegenüber dem Gemeinwesen auch keine Polizei, keine Justiz und keine Strafen, keine Armee und keine Geheimdienste nötig seien.  Streitigkeiten werden durch die Betroffenen und ihre Freunde selbst geklärt. Doch Lenins Idee ist gar nicht so neu - da war der Goethe vorher auch schon drauf  gekommen:
 
5. Die Autorität Goethe ...
... über eine anarchistische Staats- bzw. Gesellschaftsauffassung
Goethe sagte in seinen "Maximen und Reflexionen":
 
 
Welche Regierung die beste sei?
Die, die uns lehrt, uns selbst zu regieren!
 
 
6. These: Nur faule Untertanen brauchen einen Staat
Das eigentliche Problem, das sich hinter der Gleichsetzung von Anarchie mit "Chaos" und "Zügellosigkeit" versteckt ist offenbar, daß es schwer ist, sich vorzustellen, daß es ohne "Führer", ohne Autoritäten  geht, ohne Menschen also, die Entscheidungen treffen, die in das Leben anderer eingreifen, die also Macht über andere Menschen haben. Machtfreie Strukturen benötigen keine Autoritäten.  Machthaber und Autoritäten machen das Leben für die Untergebenen einfacher, sie müssen nichts tun, nicht nachdenken - und wenn es schiefgeht, können sie rufen: "Das haben wir nicht gewußt. Das haben wir nicht gewollt."
Autoritäten und Machtstrukturen sind also nur möglich bei faulen Untertanen.  Deshalb finden Führer immer wieder ihre Anhänger. Es ist unbequemer, selbst Verantwortung für sein Leben, das Leben der Gemeinschaft übernehmen zu müssen.
 
7. Das Motto der "heiteren Zukunft"  ist ein "anarchistisches Konzept"
Mit ihrem Motto
"Jeder kann machen, was er will - oder es versuchen" 
ist meine Idee der "heiteren Zukunft" selbstverständlich eine Vorstellung,  die   auf eine Gesellschaft hinzielt, in der es weder Macht(haber) noch Zwänge für den Einzelnen gibt   -    denn es geht darum, aus der freien Selbstbestimmung des Menschen heraus eine Haltung der Verantwortung für die Gemeinschaft zu entwickeln, einer Verantwortung, die sich weder aufdrängt, noch anderen diktiert, wie sie zu leben haben, sondern die erkennt, was getan werden muß - und die das dann auch selbst tut. Ich gebe zu, das ist ein sehr langer Lernprozeß, bis das gelingen mag, aber die Geschichte, die vor uns liegt, ist ja auch nicht in 20 Jahren abgeschlossen...
 
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