| 3. Was das Haben- und das Sein-Denken unterscheidet |
| verschiedenes Haben-Denken |
Der Unterschied zwischen dem "charakterbedingten" und dem funktionalen bzw. existentiellem Haben-Denken :
Vielleicht ist der Ausdruck "charakterbedingtes Haben" aus heutiger Sicht nicht ganz so glücklich gewählt. Fromm meint damit ein Haben-Denken, das auf Äußerlichkeit, Status, Macht usw. gerichtet ist, während das "existentielle" bzw. "funktionale" Haben die Tatsache meint, daß natürlich jeder Mensch auch Besitz an Dingen benötigt für die Sicherung seiner Existenz: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Auto usw.
Das Auto als Beispiel habe ich bewußt erwähnt, denn an ihm läßt sich der Unterschied zwischen beiden Haben-Formen sehr schön veranschaulichen:
1. Es gibt Leute, die verzichten auf ein Auto aus Prinzip, obwohl ihnen damit das Leben leichter würde: die "Asketen". (Diese Art von Verzicht ist ein gesondertes Thema.) In diese Gruppe gehören nicht diejenigen, die aus Umweltbewußtsein versuchen, die Fahrten mit dem Auto einzuschränken oder generell aus diesem Grund aufs Auto verzichten bzw. Menschen, für deren Fahr-Wünsche ein Auto viel zu aufwendig wäre, denen ein Taxi, Bus, Fahrrad oder Bahn genügen.
2. Andere benutzen ein Auto als normalen Gebrauchsgegenstand, als Mittel zum Zweck: der Weg zur Arbeit, zur Schule der Kinder, der Einkauf, die Fahrt zu Freunden, in den Urlaub usw. wird mittels Auto erleichtert.
3. Die dritte Gruppe betrachtet ein Auto vor allen Dingen als Statussymbol. Natürlich sind die Grenzen zwischen dieser und der vorigen Gruppe fließend. Hier sind auch nicht die Liebhaber von Rennautos oder Oldtimer gemeint, Autosportler usw., bei denen diese Liebe schon zum Fetisch werden kann:
Es geht um die "Auto-Anbeter", die einen Kult nicht um das Auto, sondern aus dem Autobesitz machen: immer das neueste, stärkste, beste Modell, immer noch eins besser als der Nachbar. Dieses "charakterliche Haben" meint diejenigen, die totunglücklich sind, wenn das Auto eine Beule abbekommen hat oder denen der Zustand des Autos wichtiger ist als die Gesundheit der Ehefrau.
(Pardon, auch "Frauenbesitz" ist ja so etwas wie ein Statussymbol und im Haben-Denken außerordentlich wichtig: das sind dann die alten Herren, die glauben, sich mit einer ganz jungen schmücken zu müssen - und die auch das Geld haben, sich eine Frau zu "kaufen".)
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Diese kleine Episode kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen: ein guter Freund von mir, Dr. G. H., kam eines Tages vorbei und erwähnte beiläufig, er habe seinen "Wartburg" nun endlich abgestoßen und sich einen kleinen VW Polo zugelegt. Als ich ihn zum Auto begleitete, stand dort - ein Opel Corsa.
(Oder war es umgekehrt? - Hatte er Corsa gesagt und es war ein Polo?)
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| Sein - Denken |
Sein-Denken ist kein asketisches Denken, das den Besitz ablehnt oder verteufelt, keine Philosophie des Verzichts von Habenichtsen im Stil Wilhelm Buschs:
„Entsagung nennt man das Vergnügen an Dingen, welche wir nicht kriegen.”
also von Leuten, die eigentlich neidisch auf die Besitzenden sind und es nur nicht zugeben wollen.
Fromm zitiert Goethe, in dessen Gedicht diese "Seins-Weise" , die er meint, gut zum Ausdruck kommt:
Ich weiß, daß nichts mir angehört
Als der Gedanke, der ungestört
Aus meiner Seele will fließen,
Und jeder günstige Augenblick,
Den mich ein liebendes Geschick
Von Grund aus läßt genießen.
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| Haben und |
Fromm arbeitet ausdrücklich heraus (S. 27):
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| Sein als Lebens-Formen |
"daß Haben und Sein zwei grundsätzlich verschiedene Formen menschlichen Erlebens sind..." |
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Weiter schreibt er (S. 35): |
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„1. Mit den Begriffen Sein oder Haben meine ich nicht bestimmte einzelne Eigenschaften eines Subjekts, wie sie in Feststellungen wie „ich habe ein Auto“, „ich bin weiß“ oder „ich bin glücklich“ Ausdruck finden. Ich meine zwei grundsätzliche Existenzweisen, zwei verschiedene Arten der Orientierung sich selbst und der Welt gegenüber, zwei verschiedene Arten der Charakterstruktur, deren jeweilige Dominanz die Totalität dessen bestimmt, was ein Mensch denkt , fühlt und handelt.
2. In der Existenzweise des Habens ist die Beziehung zur Welt die des Besitzergreifens und Besitzens, eine Beziehung, in der ich jedermann und alles, mich selbst eingeschlossen, zu meinem Besitz machen will.
3. Bei der Existenzweise des Seins müssen wir zwei Formen des Seins unterscheiden. Die eine ist das Gegenteil von Haben; ...Sie bedeutet Lebendigkeit und authentische Beziehung zur Welt. Die andere Form des Seins ist das Gegenteil von Schein und meint die wahre Natur , die wahre Wirklichkeit einer Person im Gegensatz zu trügerischem Schein,...“ |
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| das psychische |
Hierzu weist Fromm auf Sigmund Freud hin (S. 87f):
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| Problem |
"Worauf es ankommt ist Freuds Auffassung, daß das Vorherrschen der Besitzorientierung - bei Freud kennzeichnend für die Periode vor dem Erreichen der vollständigen Reife sei und als pathologisch angesehen werden müsse, wenn es im späteren Leben dominierend bleibt. Mit anderen Worten, für Freud ist der ausschließlich mit Haben und Besitz beschäftigte Mensch psychisch krank und neurotisch, daraus folgt, daß eine Gesellschaft, in der die anale Charakterstruktur überwiegt, krank zu nennen ist." |
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| ausgewählte Beispiele für Haben- und Sein-Denken |
Fromm bezieht die Definition seines Haben-Denkens nicht nur auf die Beziehungen der Menschen zu materiellen Dingen, sondern auch auf die Beziehung zum geistigen "Besitz". Da letzteres sicher weniger vorstellbar ist, wähle ich Beispiele aus diesem Bereich:
Miteinander sprechen:
A mit der Meinung X und B mit der Meinung Y treffen aufeinander:
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„Jeder kennt die Ansicht des anderen mehr oder weniger genau. Beide identifizieren sich mit ihrer Meinung. Es kommt ihnen darauf an, bessere, das heißt treffendere Argumente zur Verteidigung ihres eigenen Standpunktes vorzubringen. Keiner denkt daran, seine Meinung zu ändern, oder erwartet, daß der Gegner dies tut. Sie fürchten sich davor, von ihrer Meinung zu lassen, da diese zu ihren Besitztümern zählt, und ihre Aufgabe somit ihren Verlust darstellen würde.“
Demgegenüber ist der Seinsmensch in einem Gespräch lebendig, er reagiert spontan, produktiv. Er kann loslassen, sich auf die Ideen des anderen einstellen - und somit gebiert er neue Ideen." |
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Solidarität und Antagonismus (S. 111): |
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„Das Verhältnis zwischen den Menschen ist in der Existenzweise des Habens durch Rivalität, Antagonismus und Furcht gekennzeichnet.“ -
denn
„Wenn Haben die Basis meines Identitätsgefühls ist, weil »ich bin, was ich habe«, dann muß mein Wunsch zu haben zum Verlangen führen, viel, mehr, am meisten zu haben. Mit anderen Worten, Habgier ist die natürliche Folge der Habenorientierung.“
"Was auch immer diese Gier entfacht - der Mensch, der von ihr befallen ist, wird nie genug haben, er wird niemals „zufrieden“ sein." |
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Fromm macht den Unterschied zwischen Hunger (der eine physiologisch bedingte Grenze hat) und Gier (die immer psychisch ist) die unersättlich ist, deutlich: |
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„Wenn (nun) jeder mehr (haben) möchte, muß jeder die aggressiven Absichten seines Nachbarn fürchten, ihm wegzunehmen, was er hat; um solchen Angriffen vorzubeugen, muß man selbst stärker und präventiv aggressiv werden. Da die Produktion, so groß sie auch sein mag, niemals mit unbegrenzten Wünschen Schritt halten kann, muß zwischen den Individuen im Kampf um den größten Anteil Konkurrenz und Antagonismus herrschen. Und selbst wenn ein Stadium absoluten Überflusses erreicht werden könnte, würde der Kampf weitergehen.“ |
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Dieser Kampf ist sowohl auf der Ebene zwischen einzelnen Menschen als auch zwischen Gruppen bzw. Völkern denkbar. |
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„Denn solange die Völker aus Menschen bestehen, deren hauptsächliche Motivation das Haben und die Gier ist, werden sie notwendigerweise Krieg führen...“ |
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und er behauptet: |
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„Frieden als der Zustand anhaltender harmonischer Beziehungen zwischen Völkern ist nur möglich, wenn die Habensstruktur durch die Struktur des Seins ersetzt wird.“
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From schreibt über die geteilten Freude:
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„Nichts vereint Menschen mehr (ohne ihre Individualität einzuengen) als ihre gemeinsame Bewunderung und Liebe für einen Menschen oder wenn sie durch einen Gedanken, ein Musikstück, ein Gemälde oder ein Ritual verbunden sind oder gar das Leiden teilen. Ein solches Erlebnis macht die Beziehungen zwischen zwei Menschen lebendig und erhält sie lebendig, es ist die Grundlage aller großen religiösen, politischen und philosophischen Bewegungen....“ |
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