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15. 03. 2009
Gänseblümchen
Heitere Zukunft
Ein Zukunftsmodell stellt sich vor - Gibt es eine denkbar-machbar beste Zukunft?
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Philosophie

Die Philosophie der Zukunft
oder die Frage, welche Philosophie zukunftstauglich ist

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert,
es kömmt drauf an, sie zu verändern.
(Karl Marx: Thesen über Feuerbach*, These 11)


Das hätte sich Karl Marx sicher nicht träumen lassen, was aus seiner  Idee, was aus seinen wissenschaftlichen Arbeiten einmal wird. Gehören seine Philosophie, seine ökonomische Analyse der kapitalistischen Gesellschaft und sein ökonomisches Konzept einer  möglichen zukünftigen Alternative ins Archiv der Geschichte oder können sie heute noch bei der Suche nach einem machbaren Zukunftskonzept helfen?

Wie sieht es mit den Philosophien anderer aus? Was davon ist "zukunftsfähig", brauchbar für die Zukunft der Menschheit, was ist nutzlos?  Bisher schlossen die Philosophen von ihrer Philosophie auf die Zukunft - ich stelle die Frage andersherum:

Welche Philosophien sind zukunftstauglich, welche nicht - und warum? 
* siehe Quellen - Marx, K.
1. Zeit der Revolutionen
Richtig angefangen hat das "Revolutionszeitalter" hier in Europa wohl mit dem Bauernkrieg im Umfeld der Reformation im 16. Jahrhundert. Lange Zeit danach waren gesellschaftliche Veränderungen immer begleitet von gewaltsamen Umbrüchen, von Zerstörung und Kampf. Oft geschahen sie zusammen mit Eroberungskriegen, so nach dem 1. und 2. Weltkrieg. Inzwischen sollte  die Erkenntnis eigentlich langsam in den Köpfen der Menschen wachsen:
Das Zeitalter von  gewaltsamen Revolutionen im alten Stil ist endgültig vorbei.

Es ist denkbar, daß in Zukunft nur solche Veränderungen zugelassen werden, die von den meisten Menschen begrüßt werden, die vielleicht einigen egal sind, jedoch niemandem schaden. Dieser Konsens erscheint heute noch undenkbar. Denkt man jedoch "andersherum", zeigt sich schnell: eine Zukunftsgestaltung mit Gewalt, d. h. gegen die  Interessen von Menschen, ist in Zukunft unmöglich*. Auch das werde ich zeigen. ...
 
* Unmöglich meint:  das ist in Zukunft nicht  mehr
machbar ohne katastrophale Folgen für alle  
 
2. Die Krise der Philosophie heute
Das naturwissenschaftliche Leitbild des „unbeteiligten Beobachters” hat auch in der Philosophie seine verheerenden, zerstörerischen, unproduktiven Spuren hinterlassen. Philosophie heute ist eine „brotlose Kunst” in dem Sinne, daß sie zumeist abgenabelt von der wirklichen Welt in selbstgefälliger Überheblichkeit vor sich hin denkt und gelegentlich mehr oder weniger zynische Sprüche in die Welt setzt. Auch „gut gemeinte” Philosophie mit durchaus positiven Erkenntnissen ist in Sprache und Darstellungsform so „abgehoben”, daß sie die Massen, denen sie doch Handlungsorientierung geben könnte, gar nicht erst erreicht. Marx würde sich im Grab umdrehen angesichts dieser „geistigen Elite”.
„Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen erreicht.”
Wie soll sie denn die Massen erreichen? Wo spricht ein Philosoph die Sprache des Volkes, das er verstanden werden könnte?

Endlich habe ich einen „zukunftstauglichen” Gedanken in den Weiten des Internets gefunden, der auch außerhalb der elitären Elfenbein-Philosophie gehört und verstanden werden kann:
3. Die "Philo-sophische Praxis"  des Dr. Gerd Achenbach
Im Prinzip ist seine Idee der „Philosophischen Praxis” die Anwendung der oben zitierten Marxschen Feuerbach-These: Philosophie muß praktisch wirksam werden, Interpretation einer Welt ist als Anspruch an Philosophie zu wenig.
Ich will hier diese Idee nur kurz vorstellen, da ausführliche Informationen sehr schön auf den Websites von Dr. Achenbach nachzulesen sind.
Er schreibt:
www.achenbach-pp.de 
auch
www.philosophische-praxis.net
und
www.g-pp.de
 
„Was ist Philosophische Praxis?
Philosophische Lebensberatung in der Praxis des Philosophen etabliert sich gegenwärtig als Alternative zur Psychotherapie.
Sie ist eine Einrichtung für Menschen, die Sorgen oder Probleme quälen, mit ihrem Leben „nicht zurechtkommen" oder meinen, sie seien irgendwie „steckengeblieben"; die von Fragen bedrängt werden, die sie weder lösen noch loswerden; die sich in der Prosa ihres Alltagslebens zwar bewähren, in vorerst unbestimmter Weise aber „unterfordert" fühlen - weil sie etwa ahnen, daß ihre Lebenswirklichkeit ihren Möglichkeiten nicht entspricht.

In der Philosophischen Praxis melden sich Menschen, denen es nicht genügt, nur zu leben oder bloß so durchzukommen, die sich vielmehr Rechenschaft zu geben suchen über ihr Leben und sich Klarheit zu verschaffen hoffen über dessen Kontur, sein Woher, Worin, Wohin. Ihr Anspruch ist nicht selten, einmal über die besonderen Umstände, die oftmals sonderbaren Verstrickungen und den seltsam uneindeutigen Verlauf ihres Lebens nachzudenken.
Kurz: Sie suchen die Praxis des Philosophen auf, weil sie verstehen und verstanden werden wollen.
Dabei ist es nahezu nie die Kantische Frage „Was soll ich tun?", die sie bewegt, häufig hingegen die Frage Montaignes - und die lautet: „Was tue ich eigentlich?"
Dabei mag im Hintergrund die älteste philosophische Weisheit als Einsicht vorhanden sein, die Maxime des Sokrates nämlich, wonach nur ein geprüftes Leben lebenswert sei.
Womöglich meldet sie sich als schemenhafte Befürchtung, ein bloß so hingelebtes Leben sei im emphatischen Sinne ein „nicht wirklich gelebtes" Leben, ein „vertanes", irgendwie „verpaßtes", zerstreutes, um sich selbst gebrachtes Leben. ...”
(fette Hervorhebungen von mir - B. K.)
 
Der Ansatz ist - so wie ich das sehe - daß die pathologisierende Prägung der „Psychotherapie” (der Psychologe oder Psychiater wird erst im Krankheitsfall aufgesucht) aufgehoben wird zugunsten einer gesunden Lebensberatung: auch der gesunde Mensch reflektiert sein Leben und sein Tun effektiver in der Spiegelung in einem „Du” .
Noch ist diese „Philosophische Praxis” vorwiegend auf das Tun des Einzelnen gerichtet, erste Erfahrungen mit verschiedenen Menschengruppen liegen vor.

Ein anderer Aspekt der „Philosophischen Praxis” ist die gedachte Alternative zur (christlichen) Seelsorge.
In der historischen Entwicklung ging dem Seelsorger der „Hausphilosoph” voraus. Mit dem Wechsel zur Seelsorge änderte sich laut Achenbach nicht einfach nur eine Bezugsperson, damit kam es zu einer einschneidenden qualitativen Veränderung, einem radikalen geistesgeschichtlichen Umbruch. (ausführlichere Texte über diese geschichtlichen Prozesse auf der Website von G. Achenbach)

Bekannt sind diese Hausphilosophen vor allem bei gekrönten Häuptern. Mir fällt der weniger bekannte Petronius bei Nero ein. Hierzu kann ich ein Buch von Volker Ebersbach empfehlen: "Rom und seine unbehausten Dichter", Essays, erschienen im Jahr 1985 im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig, Best.-Nr. 639 189 5. Es hat 176 Seiten, kostete damals 6,50 DDR-Mark und ist vielleicht im Antiquariat noch zu haben. Dieses Buch untersucht das Verhältnis von Geist und Macht anhand des Lebens und des (Nicht-)Einflusses der römischen Philosophen Catull, Vergil, Ovid und Petronius auf ihre jeweiligen Cäsaren. In Petronius, dem „Arbiter Elegantiae”, dem Berater in Sachen des guter Geschmacks und Lebensstils, findet sich diese Rolle des beratenden Philosophen hin zur Vermittlung der „Lebenskunst” für den einzelnen vielleicht am weitesten ausgereift und ich werde an anderer Stelle auf ihn noch zu sprechen kommen.

Noch ein Zitat aus Achenbachs Website soll belegen, was er mit Philosophischer Praxis meint:
 
 
"Philosophie wird auch nicht etwa „angewandt", etwa so, daß die Angelegenheiten des Gastes mit Platon, mit Hegel oder wem sonst behandelt würden: Bücher sind keine Heilmittel, die sich verordnen ließen. Geht denn jemand zum Arzt, wenn er krank ist, um sich medizinische Vorlesungen anzuhören? Also wird auch der Besucher der Praxis vom Philosophen nicht belehrt, gar mit „klugen Worten” abgespeist, schon gar nicht mit „Theorien" bedient, sondern die Frage ist, ob der Philosoph seinerseits durch die philosophische Literatur, die er studiert hat, klug und verständnisvoll und aufmerksam wurde, ob er sich auf diesem Wege ein Sensorium für das sonst wohl Übersehene erworben hat und ob er gelernt hat, auch in abweichendem, ungewöhnlichem Denken, Empfinden und Urteilen heimisch zu werden. Denn nur als Mitdenkender und Mitempfindender vermag er seinen Besucher aus dessen Einsamkeit oder Verlorenheit zu befreien und ihn so vielleicht zu anderen Einschätzungen des Lebens und seiner Umstände zu bewegen. "
(fette Hervorhebungen von mir - B. K.)
  und noch ein Zitat:
 
"Unweigerlich stellt sich - im Zeichen einer noch immer florierenden Therapiekultur - diese Frage nach der „Abgrenzung" Philosophischer Praxis von den Psychotherapien.
Nun: Während der psychologische Blick darauf trainiert ist, Besonderes, Spezielles in spezieller Weise wahrzunehmen, vor allem psychogene, also psychisch bedingte Fatalitäten - der Psychologe und Psychotherapeut ist Spezialist, und dort, wo er nicht Spezialist ist, ist er Dilettant -, ist paradox gesagt der Philosoph Spezialist fürs Nichtspezielle, sowohl fürs Allgemeine und Übersichtliche (auch für die reiche Tradition des schon vernünftig Gedachten), ebenso aber fürs Widersprüchliche und Abweichende – mit besonderem Nachdruck: fürs Individuelle und Einmalige.
Auf diese Weise nimmt der Philosoph in der Praxis seinen Besucher ernst: Er wird nicht theoriegeleitet (schematisch) verstanden, überhaupt nicht als „Fall einer Regel", sondern als der eine, der er ist. Kein „Maßstab" befindet über ihn (auch nicht der einer „Gesundheit"), sondern die Frage ist, ob er sich selbst angemessen lebt - mit Nietzsches Wort: Ob er wurde, der er ist. "
 
Drei Kommentare
1. Heute wäre ein „Hausphilosoph” (ein weiser Alter oder eine weise Alte) vielleicht jemand, der Lebensweisheit unabhängig vom weltanschaulich-religiösen Selbst-Verständnis und von der religiösen Bindung des Gesprächspartners weitergeben kann. Achenbach (Jahrgang 1947) scheint diese Gabe zu haben.
In seinem Sinne - und das muß noch einmal betont werden - ist Praktische Philosophie keine „angewandte Philosophie”, sondern durch philosophisches Denken erworbene Fähigkeit der Anteilnahme am anderen Menschen.

2. Achenbach will und macht keine große Revolution, keine große Weltveränderung. Wenn, dann verändert er die Welt im Kleinen, in den Köpfen einzelner Menschen.
Philosophiegeschichtlich gesehen wird nun also dieser Weg der Lebensberatung dialektisch fortgeführt - mit der formalen Rückkehr zum „Alten”, dem „Hausphilosophen”. Daß es einen riesigen Bedarf an einer solchen Lebensberatung gibt, zeigen nicht zuletzt die vielen Menschen, die diversen selbsternannten Gurus und Heilsbringern hinterherlaufen und sich willig geistig manipulieren lassen - nur um mit der Verantwortung für ihr Leben nicht so verdammt allein gelassen zu sein. Die „Atomisierung des Individuums” will überwunden sein.

3. Wenn damals der Übergang von der philosophischen zur religiösen Lebensberatung ein so radikaler Wandel war, dann ist zu erwarten und zu hoffen, daß auch heute mit Hilfe dieser „Philosphischen Praxis” ein ähnlicher geistesgeschichtlicher Wandel vollzogen werden kann. In diesem Sinne sehe ich in seiner „Philosophischen Praxis” nicht nur eine neue Philosophie und ein weiteres Beispiel der Ideensuche heute, ich sehe in seinem Wirken vor allem eines : einen wunderschönen „Keim des Neuen”.

Ich denke, die Praxis des „Hausphilosophen”, die „Philosophische Praxis” wird Zukunft haben.
 
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