| 1. Sprach-Betrachtung |
Herkunft des Wortes Heiterkeit, Bedeutungen und Wörter in anderen Sprachen
In der deutschen Sprache gibt es viele Wörter, die etwas ähnliches wie "heiter" beschreiben, es aber nicht ganz treffen:
fröhlich,
vergnügt,
lustig,
witzig,
albern,
gute Laune haben
glückselig sein
Das Englische kennt zwei Wörter, die im Deutschen mit „heiter“ übersetzt werden:
happy und cheerful.
Das Wort "happy" scheint mehr in die Richtung „glücklich“ zu gehen.
Ich nehme an, daß „cheerful future“ meine Auffassung von „heitere Zukunft“ eher trifft als „happy future“.
Die "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci wird auch „La Gioconda“ genannt, das bedeutet "die Heitere".
Hilary ist - wörtlich genommen - die "Heitere".
Schon die „alten Römer“ wußten um die „ataraxia“ , die „heitere Ruhe“. Die Stoiker vertraten die Auffassung, daß der einzelne Mensch sich nicht gegen sein Schicksal sträuben soll, sondern alles, auch Leid und Schmerz mit Unerschütterlichkeit und heiterer Ruhe (griech. ataraxia) hinnehmen soll. Mark Aurels Selbstbetrachtungen werden als „stoisch“ bezeichnet. Leider hat der Begriff einen Bedeutungswandel erfahren, die Heiterkeit ist in ihm irgendwie abhanden gekommen.
Das „Elysium“, das Jenseits , wurde sich vorgestellt als ein „Ort heiterer Seligkeit“.
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Eukolie (gr. eukolia) heißt Heiterkeit, Zufriedenheit; bei den Stoikern gilt sie als Charaktereigenschaft
des Weisen (Gegensatz: Dyskolie, Unzufriedenheit). |
aus: Kirchner/Michaelis - siehe Quellen |
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2. Hei, Heit- und -heit |
Beschaffenheiten und "Heiten":
"Die Personen der Trinität wurden mit Heiten wiedergegeben,
eigentlich Beschaffenheiten, in dessen Endsilben die
alten Heiten noch stecken;..."
[Mauthner: Wörterbuch der Philosophie, S. 573. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 19789 (vgl. Mauthner-Wb. Bd. 1, S. 226)]
"Hei, heute morgen mach ich Hochzeit" singt der arme, plötzlich reich gewordene Doolittle in „My fair Lady“ und spricht sich damit Mut zu. Vielleicht hätte er auch „Hurra - ich heirate“ singen können. Hängen „hei“ und „hurra“ zusammen, sind sie ähnlichen Ursprungs?
Das Wort "Heit" bedeutete "Person" und ist im Deutschen als selbständiges Wort verlorengegangen. Man findet es nur noch in Zusammensetzungen.
Auch die Endsilben
-heit und -keit bedeuten "Person". Mit diesen Endsilben werden Adjektive zu Substantiven gemacht, "personifiziert", z. B. :
- frei wird zu "Freiheit", die Personifikation des Zustandes, frei zu sein;
- wirklich wird zu "Wirklichkeit";
- schön wird zu "Schönheit", die Verdinglichung der Eigenschaft, schön zu sein;
usw.
- heiter wird zu Heiterkeit - und das ist "doppelt gemoppelt" ....
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| - Weiteres über das Wort Heiterkeit
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Das "Elysium", das "Jenseits", wird sich vorgestellt als "Ort heiterer Seligkeit".
Euphorie (aus dem griech.) ist ein "Zustand erhöhten Wohlbefindens" bzw. eine heitere, zuversichtliche optimistischer Stimmung bzw. Begeisterung. Gern wird gegenwärtig dieses Wort mit "übersteigert" oder "krankhaft" in Verbindung gebracht. Menschen, die solche Gefühle empfinden können, werden oft mit Befremden betrachtet. Was zeigt besser, daß unsere Zeit freudefeindlich ist. Weitere Worte mit "Eu-" als Vorsilbe bezeichnen Erscheinungen der Freude, der Schönheit und des Wohlgefallens.
Bekannt ist auch der Jubel-Ruf "Heureka" (Eureka) als Ausdruck der Freude, der - auf Archimedes zurückgeführt - wörtlich eigentlich bedeuten soll "Ich habe es gefunden!" oder etwa unser "Hurra", das mit "hurren" (bedeutet "sich schnell bewegen", siehe das engl. Wort für Eile, eilen "hurry") zusammenhängt |
Ich erinnere an Schillers "Ode an die Freude", die Textzeile:
"Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium." |
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| 3. Zitate über Heiterkeit und Fröhlichkeit |
Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre:
Aller Anfang ist heiter.
Dürrenmatt sagte, die souveräne Kritik des einzelnen gegenüber der Gesellschaft drückt aus, daß die Menschheit „heiter von ihrer Vergangenheit scheiden kann“
.
G. Chr. Lichtenberg:
Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.
Rosa Luxemburg
Menschsein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem, denn das Heulen ist das Geschäft der Schwäche.
Schiller:
Ernst ist das Leben
heiter die Kunst.
Edvard Grieg (Komponist)
Mangel an Fröhlichkeit ist meist auch Mangel an Menschlichkeit.
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| 4. Der Ernst des Lebens - ein Schul-Beispiel |
Ein heiterer Mensch ist kein alberner Mensch, der immer nur herumrumkichert und den "Ernst des Lebens" nicht sieht, nicht sehen will. Es gibt jedoch Menschen, die nie (richtig) lachen können, "keinen Spaß verstehen". Letztere ist wörtlich zu nehmen: sie verstehen nicht, worüber andere lachen können: sie sind sozusagen "blind auf dem Auge der Heiterkeit, taub auf dem Ohr des Humors". Nicht heiter sein zu können, ist in diesem Sinne eine Krankheit oder Behinderung - ein Makel, ein "Fehl", eine Einschränkung an Lebensmöglichkeiten und Freiheiten, das Leben zu genießen.
Doch eine Zeitlang waren diese psychischen Einschränkungen (sich nur ernst und gesetzt geben, Lachen zu unterdrücken) in der Gesellschaft "Mode" (pardon, anders kann ich es nicht nennen). So wie es Mode war, den Frauen in China die Füße zu verkrüppeln, genauso wurden die Kinder bei uns erzogen, ihre Heiterheit zu unterdrücken.
In der Schule darf nicht gelacht werden. Die Episode zu dieser Bemerkung schildere ich im Text über die Freude, im Abschnitt Schadenfreude. Kernsatz daraus ist die Bemerkung der Lehrerin: „Im Unterricht wird nicht gelacht!“.
Doch die Kinder hatten mit ihrem Lachen nur ihren Schreck und ihre Erleichterung abreagiert, als ein Mitschüler mit dem Stuhl umgefallen war und sie sahen, daß ihm nichts ernstes geschehen war.
Schule - so wird immer behauptet - soll die Kinder auf den "Ernst des Lebens" vorbereiten.
Doch ein Mensch, der Angst hat und unter Zwang lernt, ist weniger effektiv als jemand, der heiter, gelöst, neugierig und ohne Versagensängste lernen kann. Die Effektivität des Lernens ist abhängig davon, ob der Schüler mit oder ohne Angst, mit oder ohne Freude lernt. Deshalb ist Heiterkeit an der Schule eine durch und durch ökonomische Frage!
Es wird höchste Zeit, die Schule zu einer „Heiteren Schule“ zu machen – finden Sie nicht auch? |
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| 5. Ernst und Heiterkeit |
Wer sich ausführlicher mit dem Thema Heiterkeit beschäftigen möchte, dem empfehle ich den Philosophen und „Heiterkeitspapst“ Dr. Gerhard Branstner.
Wie alle heiteren Philosophen war auch er „seiner Zeit ein Stück voraus“ – und sah aus dieser Distanz kritisch auf die DDR-Gegenwart. Er spricht davon, daß die „Klassengesellschaft“ (wir können auch „patriachale Gesellschaft“ sagen) durch eine Tendenz der zunehmenden „Verernstung“ gekennzeichnet ist. Ob Armee, Ämter und Verwaltungen, Schule, Wissenschaft, Politik - dort wo Autoritäten zu Hause sind, ist „Schluß mit Lustig“.
Branstners Auffassung von Heiterkeit ist eine dialektische: er spricht von der „Identität von Ernst und Heiterkeit“ .
Auf eine einfache Formel gebracht, könnte man es so sehen:
im Ernst heiter bleiben, in der Heiterkeit den ernsten Hintergrund nicht vergessen.
Ohne diese Einheit „gehe der Mensch seiner Spezifik als menschliches Wesen verlustig“, meint Branstner.
Darin ist er nahe bei Giordano Bruno, der diese Einheit „die betrübte Heiterkeit“ nannte:
„In tristitia hilaris, „In der Betrübnis heiter,
in hilaritate tristis." in der Heiterkeit betrübt.“
Branstner sagt, ohne diese spezifisch menschliche Heiterkeit verkäme das menschliche Wesen zum „tierischen Ernst", der sich nur auf die objektive Realität richtet, oder zur "Albernheit", die sich bloß auf sich selbst bezieht. |
siehe Branstner in » Namen |
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| 6. heiter und ängstlich |
Es mag Sie erstaunen, wenn ich diese beiden Begriffe gegenüberstelle. Doch sie bilden ein völlig anderes Gegensatzpaar als "ernst und heiter". Ernst und Heiterkeit gehören zusammen, das Wechselspiel beider Zustände ist "normal". Doch Heiterkeit und Angst schließen einander aus. Der heitere Mensch kann auch ernst sein, auch ein ernsthafter Mensch kennt Augenblicke der heiteren Gelassenheit. Ein ängstlicher Mensch kann nicht heiter sein. Ein Mensch kann letztlich nur in einer angstfreien Umgebung (in einem Umfeld, das ihm keine Angst oder Furcht einflößt) heiter sein.
Andersherum hat ein wirklich heiterer Mensch (einer, der die berühmte "heitere Gelassenheit" dem Leben gegenüber verinnerlicht hat) vor nichts und niemandem Angst. Der souveräne, freie, selbstbestimmte Mensch ist heiter.
Machthaber benötigen den ängstlichene, eingeschüchterten Menschen. Heitere, angstfreie Menschen sind für sie gefährlich: sie stellen Autorität und Macht in Frage, sie setzen sich über Autoritäten hinweg, machen sich womöglich lustig über sie. Deshalb ist Macht vom Wesen her heiterkeits-feindlich. |
In einem Internetforum fand ich eine hübsche Formulierung, ich gebe sie sinngemäß wieder:
Der freie Mensch fürchtet nichts und niemanden, nicht einmal, seine Freiheit zu verlieren. Der unfreie Mensch fürchtet sich vor allem und jedem, sogar davor, seine Unfreiheit zu verlieren.
(Ich weiß nicht, wer da wen zitiert hat.) |
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| 7. Kann man heiter zusammen leben? |
Mit anderen Worten: Nur machtfreie, autoritätsfreie Strukturen und soziale Beziehungen können auch heitere Strukturen und Beziehungen sein.
Heide Göttner-Abendroth, Historikerin und Matriarchatsforscherin, sagt, daß die matriarchalen Strukturen Formen des heiteren Zusammenlebens waren. Und sie sagt, daß diese gewaltfreien, frohen Verhältnisse nicht ein für allemal vorbei sind, sondern auch in Zukunft wieder machbar sein werden. |
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| 8. Woran man einen heiteren Menschen erkennt - eine biologistische Begründung der heiteren Zukunft. |
Wie schon an verschiedenen Stellen erwähnt, Heiterkeit ist zuerst und vor allem die Eigenschaft souveräner, selbstbestimmter und freier Menschen im Umgang mit sich selbst und mit ihrer Umwelt. Heiterkeit ist ein – leider noch nicht so recht entdeckter – Urtrieb der Menschen.
Heiterkeit und Lachen gehören zusammen (siehe auch Lachen)
Jedoch ist der heitere Mensch kein alberner Mensch, der immer nur herumkichert, den Ernst einer Situation nicht wahrnimmt. Natürlich erkennt man einen heiteren Menschen daran, daß er gern lacht, öfter lacht, von Herzen lacht, genußvoll lacht. Auch ein heiterer Mensch erlebt ernste, traurige, schlimme, leidvolle Situationen. Was ihn von einem "ernsten" Menschen unterscheidet ist, daß er anders mit diesen Situationen umgeht: ein heiterer Mensch kann in allen diesen Situationen seine grundsätzlich positive Haltung zum Leben bewahren: so weiß er und findet Trost darin, daß das menschliche Leben weitergeht, wenn er selbst stirbt. Er weiß, daß Leid und Schmerz Teil des menschlichen Lebens sind, die nicht verdrängt werden können und dürfen. Doch er wird immer auch seinen Lebenswillen, seinen Lebensmut, seine Kraft zu leben, seine Lebensfreude bewahren und wieder zurückfinden zu ihr, egal, welche Schicksalsschläge ihm das Leben zumutet.
Ein heiterer Mensch ist - evolutionsbiologisch betrachtet - der angepaßtere Mensch. Er ist nicht unterzukriegen. Seine Lebensenergie ist größer als die eines Griesgrams und Dauerpessimisten. Daraus ergibt sich, daß die heiteren Menschen die größere Überlebens-Chance haben und schon deshalb ihnen die Zukunft gehören wird.
Der Volksmund hat wieder einmal den passendsten Spruch dafür gefunden:
"Wer lacht, hat noch Reserven."
Zu dieser sehr kurzen biologistischen Begründung der heiteren Zukunft will ich noch eine Behauptung stellen: ich behaupte, die Menschheit hätte ohne ihre Veranlagung zur Heiterheit schon in ihrer bisherigen Geschichte nicht überleben können - die tragende Rolle der Heiterkeit als Lebensbasis wird sich in Zukunft noch stärker ausprägen. |
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