"Schadenfreude ist die reinste Freude."
sagen manche Menschen.
Wieso bereitet es einigen Menschen Freude, den Schaden oder das Leid anderer Menschen mit anzusehen? Wie ist es in diesem Zusammenhang um die Sadisten und Masochisten bestellt, sie empfinden doch offenbar auch Freude am Leid - am eigenen oder am Leid des anderen? Was sind die psychischen Wurzeln einer solchen Freude?
Hier treffen sich die Gedanken mit denen auf der Seite "Lachen", wo es um das "spöttische Lachen" geht, um
"Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen."
Schadenfreude kann man noch unter einem anderen Blickwinkel sehen:
Vielleicht hat mancher Spott und manche Schadenfreude sogar geholfen, mit dem Leid und Schaden fertig zu werden, besser als es das wohlmeinende Mitgefühl gekonnt hätte?
Vielleicht weckt die Schadenfreude die Energie, sich trotz allem nicht unterkriegen zu lassen, besser, als Trost und
Beistand es hier und da könnten?
Ich denke, es ist individuell verschieden: der eine benötigt Trost, der andere den Spott. Doch woher weiß man das?
Mir fallen noch zwei Geschichte hierzu ein, sie gehören hierher und auch in die Betrachtungen zum Lachen (siehe die Seite
Lachen), aber hier helfen sie vielleicht, das Phänomen der Schadenfreude aus weiteren Blickwinkeln zu sehen:
Die erste spielt in der Schulklasse meines Sohnes im 2. Schuljahr:
Marvin, ein Zappelphillipp, kippelt mit dem Stuhl, kippt hintenüber. Als er aufsteht und es sich zeigt, daß er sich nicht ersthaft verletzt hat, lachen alle. Ich vermute einmal, ohne dabei gewesen zu sein,
daß sie erleichtert gelacht haben - und ein bißchen spöttisch, weil der Marvin eben nicht aufgepaßt hat beim Kippeln. Ich vermute, die Kinder hätten nicht gelacht, wenn Marvin wirklich verletzt gewesen wäre.
Es gibt offenbar
eine Art "Grenzschaden", ab dem der Spott (der "gutmütige Spott") nicht mehr angebracht ist - und ich denke auch, daß die Kinder für diese Grenze einen Urinstinkt haben oder es doch sehr schnell lernen, diese Grenze zu erkennen.
Das Tragische an dieser Geschichte war lediglich die Lehrerin. Gewohnt, fremdes Lachen immer als mögliches Spott-Lachen zu sehen, das sie als die Autorität angreift, ist sie allergisch gegen das Lachen der Kinder (sie "darf" ja auch gar nicht mitlachen!). Also beschmipft sie die Kinder (anders kann man das nicht nennen) und sagt:
"Lachen ist verboten!"
Die zweite Geschichte erzählte mir Gerhard Branstner:
Er hat
die Geschichte der Heiterkeit studiert und ist an den eigenartigsten Stellen pfündig geworden: einmal las er einen Bericht eines Europäers, der bei irgendeinem Naturvolk Forschungen betrieb: er hatte eine Menge Ausrüstung, er hatte ein Boot bei den Einheimischen gemietet und Leute, die ihm helfen sollten.
Doch das Boot kippte beim Beladen um. Die Einheimischen wanden sich vor Lachen. Der Forschungsreisende war erbost, meinte, sie hätten ja gut Lachen, da das Zeug ihm gehört hatte. Die Einheimischen stellten, so gut es ging, eine neue Ausrüstung aus ihrem eigenen Besitz zusammen. Wieder kippte das Boot um, wieder war alles futsch. Wieder lachten die Einheimischen.
Und nun erklärte G. Branstner das so:
Es ging gar nicht um Schadenfreude (das hätte eine andere Haltung zum Eigentum bei den Einheimischen vorausgesetzt),
es ging um die Komik bei der ganzen Sache!
Die dialektische Aufhebung des Leides in der Komik, im Lachen - das Schaffen eines ausgleichenden Gegengewichts, das ist die tiefste mögliche Erklärung für Schadenfreude und Spott.
Kleiner Tipp zum Selbstversuch: Lutschen Sie mal einen Bonbon, wenn Ihnen zum Heulen zumute ist, in der Oper
beim Anblick fremden Leides oder zu Hause, beim Erleben eigenen Leides.
Die Komik der Situation - heulend Bonbon lutschen ist nun einmal nicht tragisch, sondern komisch! -
schafft die nötige Distanz zum Leid.
Das wäre nämlich
noch eine Erklärung für Schadenfreude: weil ich das Leid des anderen nicht ertragen kann, weil ich nicht mitheulen will, schaffe ich eine Situation, die mir ermöglicht, nicht zu weinen. Ich ziehe sie ins Lächerliche.