| 1. Triebe, Sinne und Bedürfnisse |
Triebe, Sinne und Bedürfnisse des Menschen sind im praktischen Leben gar nicht so leicht voneinander abzugrenzen:
Wir können sehen, wir haben Augen und einen "Gesichtssinn". Daher haben wir den "Trieb", vieles und schönes zu sehen. Oder haben wir das Bedürfnis zu sehen? Beim Essen, Trinken, Atmen ist es ähnlich: ob ich nun sage: "Mein Freßtrieb macht sich bemerkbar" oder ich sage: "Ich habe Hunger, ich bin hungrig." oder ich sage: "Ich habe das Bedürfnis zu essen." ist praktisch gesehen, das gleiche: Ich muß diesem Trieb bzw. Bedürfnis nachgehen, oder ich nehme Schaden. Der Freßtrieb, der Hunger, das Eßbedürfnis lassen nach, sobald ich etwas gegessen habe, der Trieb ist befriedigt. Doch ich weiß, daß ich wieder Hunger haben werde in einigen Stunden oder am nächsten Tag.
Wie ist es z. B. mit dem Schönheitssinn, dem Bedürfnis, schönes sehen zu wollen? Steht dahinter auch ein "Trieb"? Nehme ich auch Schaden, wenn ich nichts schönes sehen kann?
Wie ist es mit dem Sexualtrieb bzw. Fortpflanzungstrieb, dem Aggressionstrieb und anderen Trieben? Wenn wir nicht essen, verhungern wir. Haben wir keinen Sex, fehlt den meisten Menschen etwas am "rundum wohlfühlen". Der "Trieb" meldet sich gelegentlich unbeherrschar. Es gibt auch Menschen, bei denen er verkümmert ist .
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| 2. Der sogenannte Aggressions-Trieb, der keiner ist |
Was den "Aggressionstrieb" betrifft, denke ich, er ist nicht mit dem Freßtrieb und dem Fortpflanzungstrieb zu vergleichen. Im eigentlichen Sinne ist er kein Trieb, der (regelmäßig) befriedigt werden muß, um das Wohlbefinden des Menschen zu regeln. Genauer wäre die Bezeichung "Aggressionsbereitschaft": sie ist immer latent vorhanden, in Gefahrensituationen kann der Mensch auf "aggressiv" umschalten, enorme Kräfte entwickeln und dann sich und seine Familie, seine Heimat usw. verteidigen. ...
Eigentlich ist er nur eine Spielart des allgemeineren Tätigkeitstriebes bzw. Verlangens der Menschen, tätig sein zu können.
Der Tätigkeitstrieb und auch der Aggressionstrieb können eingeschränkt oder in übertriebenen Umfang wirken (Stichwort "Workaholics"), sie können behindert oder gefördert werden, sie können ernsthaft bis verbissen, oder spielerisch-leicht abreagiert werden.
Der Aggressionstrieb kann z. B. mit Hilfe von Fußballspielen oder anderen wettbewerbsmäßig ausgetragenen Sportarten ausgelebt werden.
Das Wort Hackfeten als Spaßwort für Streßabbau-Bewegungsformen ist sicher ebenfalls vielen bekannt: wer Wut hat, sollte einfach Holz hacken gehen. Dann wird aus dem Aggressionstrieb sogar etwas nützliches.
"Ich bin die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." - hier finden sich Aggressionstrieb und Tätigkeitsdrang ebenfalls in trauter Runde |
Am Rande bitte ich zu beachten: im Wort "übertrieben" steckt das Wort "Trieb". |
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| 3. Der Lebens-Trieb |
Der erste, elementarste Trieb eines Lebewesens ist der Trieb, überhaupt zu leben. Allein die Existenz dieser Tatsache ist außerordentlich. Die Energien, die Kräfte, die Strategien, die Anpassungen, die Kreativität im weitesten Sinne, die ein Lebewesen entwickelt, um lebendig bleiben zu können, sind äußerst erstaunlich. Nicht umsonst sprechen viele Menschen vom "Wunder des Lebens". |
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| 4. Entsage und genieße |
Vor langer Zeit las ich eine faszinierende Geschichte, leider weiß ich nicht mehr, von wem sie geschrieben wurde.
Es ging um einen reichen, gelangweilten jungen Mann, dem alle Wünsche erfüllt werden konnten, so exzentrisch sie auch waren. Aber das Leben machte ihm - wahrscheinlich gerade deshalb - keinen Spaß mehr. Man schickte ihn schließlich zu einem weisen alten Mann, der ihn mit dem Ratschlag:
"Entsage und genieße!"
entließ. Der junge Mann kam nach Hause, konnte mit dem Ratschlag nichts anfangen und lebte weiter wie bisher, gelangweilt, aller Dinge und Schönheiten des Lebens überdrüssig. Schließlich wollte er wissen, wie der Alte seine Worte gemeint hatte und ging noch einmal zu ihm. Doch der war nicht zu erreichen, er traf nur dessen sehr junge, sehr hübsche Tochter an, die an diesem wirklich heißen Tag im Garten arbeitete. Galant bot er ihr seine Hilfe an, bis der Alte zurückkommen würde. Sie arbeiteten und arbeiteten, er verspürte Durst, das Mädchen vertröstete ihn, daß er am Ende der Arbeit trinken könne, sie wolle nur das Angefangene zu Ende bringen. Er wollte sich keine Blöße geben, wartete und schmachtete. Endlich war es soweit, er konnte sich in den kühlen Schatten des Baumes fallen lassen und sie reichte im ein Glas kühlen Wassers, etwas, das er wohl noch nie getrunken hatte. Denn er meinte anschließend, er habe noch nie im Leben etwas so köstliches getrunken.
Daß die beiden heirateten und ihre Kinder trotz ihrer materiellen Fülle im Geist dieses Spruches erzogen, ihnen nicht alle Wünsche sofort erfüllten, versteht sich von selbst.
Denn nun hatte der junge Mann durch eigene Erfahrung verstanden, was der Spruch meint:
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Die Geschichte könnte von Voltaire sein.
Entsagung:
freiwilliger Verzicht auf die Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses, auf etwas, das machbar wäre.
Aus dieser Erfahrung ist leider ein Dogma geworden: von bestimmten Menschen werden Entsagungs-Forderungen an andere gestellt. Berühmt ist "Sie predigten Wasser und tranken Wein."
Entsagung hat auch nichts damit zu tun, daß viele Menschen in so elenden Bedingungen leben müssen, daß sie elementare Bedürfnisse nicht befriedigen können! Denen "Entsagung" vorzuschlagen, ist natürlich Zynismus pur.
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Der Genuß kann durch gezielte Entsagungen
wesentlich gesteigert werden! |
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