| 1. Ein Beispiel für den "freien Willen" einer Katze |
Dieses Beispiel wähle ich, weil man daran sehr schön zeigen kann, daß es einen abstrakten freien Willen nicht gibt, er immer sozial, historisch, konkret aus den Wechselwirkungen mit der Umwelt betrachtet werden muß:
Meine Nichte hatte eine sehr junge Katze gefunden, die noch nicht entwöhnt war. Sie zog die Katze mit der Flasche auf. Da keine Katzenmutter ihr das Fell leckte, steckte meine Nichte die Katze ab und zu in die Badewanne und trocknete sie anschließend mit Handtuch und Föhn. Später ließ sie das. Aber nicht die Katze. Immer wenn meine Nichte in der Wanne saß, sprang die Katze - FREIWILLIG - zu ihr ins Wasser und setzte sich anschließend auf den Tisch zum Getrocknet-Werden.
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| 2. Die Deformation des freien Willens und die Frage, wie man das verhindern könnte |
Ähnliche Deformationen sind für Menschen zu befürchten, die seit der Kindheit auf ein bestimmtes Verhalten dressiert werden, das sie dann "freiwillig" bis ans Ende ihrer Tage praktizieren.
Hierzu rechne ich beispielsweise den Stolz der alten chinesischen Frauen auf ihre verkrüppelten Füße, den Stolz auf die Fähigkeit, sich bestimmten Mode-Erscheinungen anzupassen.
Um im Beispiel der Katze zu bleiben: eine Deformation des freien Willens liegt dort deshalb vor, weil die Katze etwas macht, das nicht ihrer "Natur", ihrem "Wesen" entspricht. Hier ist es eindeutig erkennbar und es ist klar, wie man diese Deformation verhindern kann: mit Hilfe einer "artgerechten" Haltung und Behandlung der Katze. Doch wer will entscheiden, was beim Menschen echte freie Entscheidung und was eine Deformation seines freien Willens ist?
Ein Raucher beispielsweise wird immer sagen, daß es sein freier Wille war, mit dem Rauchen zu beginnen. Nun jedoch liegt es nicht mehr in seiner Macht, freiwillig und ohne Probleme aufzuhören. Ich denke, das könnte schon ein Beispiel sein für die Grenze zur Deformation: wenn etwas nicht mehr "gelassen" werden kann, wenn es zur Zwangshandlung geworden ist.
Doch als Gegenbeispiel kann ich eine "Tugend" nennen: der Wusch, sich zu waschen, ist letztlich auch eine Art "Zwang": wenn ich ungewaschen bin, werde ich unruhig wie ein Raucher ohne Zigarette.
Es geht hier nicht um die Extremformen des ausgeprägten Waschzwanges, es geht um das normale Bedürfnis, sauber zu sein. Wo ist der Unterschied zwischen dem Zwang zu rauchen und dem Zwang, sauber zu sein? Es ist die Frage, welche der beiden Handlungen zum Wesen des Menschen gehören und welche nicht: ein Mensch bleibt in seinem Wesen ein Mensch, wenn er nicht raucht, aber er büßt wesentliches ein, wenn er sich nicht mehr wäscht und verdreckt. |
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| 3. Das Wesen des Menschen |
Deshalb muß meiner Meinung nach die Diskussion über den freien Willen mit der Frage nach dem Wesen des Menschen beginnen. Anders als bei anderen Lebewesen zeichnet sich der Mensch durch ein wesentlich breiteres Spektrum möglicher Handlungen aus. Diese Handlungen können schädlich für ihn selbst oder andere sein oder nützlich. Einige bestärken sein Wesen, andere deformieren es. |
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| 4. Die schwierigste Frage ... |
... die Frage nach den äußeren Einflußnahmen: wann dürfen / müssen andere Menschen Einfluß auf jemanden nehmen, der sich selbst schadet? Es ist klar, sobald er anderen Schaden zufügt, muß er daran gehindert werden, das ist Basis unseres Gerechtigkeitsempfindens. "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!".
Doch hat ein Mensch das Recht, darf die individuelle Freiheit so weit gehen, sich selbst zu schaden? Prinzipiell ja - und es ist nicht eine abstrakte Frage der Einflußnahme, sondern eine konkrete Frage danach, wer wann und wie Einfluß nehmen darf und wer nicht....
Auch als Eltern erwachsener Kinder beispielsweise, wenn der eigene Wille groß ist, Einfluß auf die Kinder zu nehmen, ist dieser Wille eingeschränkt durch den zu respektierenden Willen der Kinder.
Nun kommt ein Beispiel, eine mir Ende des Jahres 2008 erzählte Geschichte, die alles Gesagte über den Haufen werfen könnte:
In einer Familie mit vier Kindern kümmerte sich die Tante - nennen wir sie einmal Käthe - sehr stark um die Kinder und den Haushalt. Mutter und Vater waren berufstätig. Die kinderlose Tante wurde zum Ausgleich mit versorgt. Als die Kinder groß und aus dem Haus waren, hatte Tante Käthe kein Betätigungsfeld. Sie saß einfach auf der Couch, wurde von ihrer Schwester weiter versorgt und fiel allen auf die Nerven. 20 Jahre ging das so. Die Tante hatte inzwischen bereits ihren 75. Geburtstag hinter sich. Da wurde ihre Schwester krank oder wurde es ihr nur zu viel? Jedenfalls warf sie Tante Käthe aus der Wohnung, Tante Käthe mußte allein leben - und sie begann zu leben: endlich. Sie ging auf Reisen und vieles andere mehr. Einmal soll sie gesagt haben: "Warum habt ihr mich nicht schon früher rausgeworfen?"
Doch der Haken ist, daß auf der Couch sitzen und sich bedienen lassen keine "artgerechte Haltung" eines Menschen ist.
Gelegentlich braucht der Mensch also äußere Anstöße, mitunter grob, mitunter heimlich, scherzhaft oder schmerzhaft. Ein Problem wird es nur, wenn die äußeren Anstöße ständig gegeben werden müssen und der passive Mensch schließlich anderen die Schuld gibt, wenn sein Leben mißlingt.
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| 5. Der eigene Wille kleiner Kinder |
Wie ist es bei kleinen Kindern? Wird nicht oft deren eigener Wille - Trotz genannt - beizeiten gebrochen? Werden sie nicht wesentlich zur Unterdrückung ihres eigenen Willens erzogen? Oder - schlimmer noch - lernen sie überhaupt nicht, ihrem Willen selbst Grenzen zu setzen?
Es gibt einen schönen Spruch. Ich glaube, er war aus Kasachstan, ich kann ihn nur sinngemäß wiedergeben:
Behandle dein Kind bis zum 3. Geburtstag wie einen König,
bis zum 15. Geburtstag wie deinen Diener,
danach wie deinen Freund.
Die erste Trotzphase - so ist dieser Spruch zu verstehen - die das Kind mit etwa 3 Jahren durchmacht, muß also gelassen hingenommen werden, damit das Kind eine erste Erfahrung macht, was eigener Wille ist. Mit dieser Erfahrung im Hintergrund hat es dann bestimmte Prägungen aufzunehmen. Durch die Erfahrung des eigenen Willens geprägt, wird es in der nächsten Phase - der des "Dienens" - die Erfahrungen entweder verinnerlichen oder dagegen innerlich aufbegehren. Sobald es dann selbst frei entscheiden kann, wird es handeln: die Prägungen abwerfen oder - da es sie als vernünftig erkannt hat - fortsetzen. Das geht aber nur, wenn ihm nicht schon mit zwei Jahren der eigene Willen gebrochen und er nur zum gehorsamen Befehlsempfänger erzogen wurde.
Man kann es auf eine noch kürzere Formel bringen:
Erziehe dein Kind so, daß es fähig ist zur Selbsterziehung. Bringe es dazu, einen starken eigenen Willen zu haben und diesen auf ein edles Ziel zu lenken: die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. |
Es gibt ein wundervolles Buch eines spanischen Philosophie-Professors Fernando Savater: "Tu, was du willst". Darin werden junge Menschen angeregt, über Freiheit und den eigenen Willen nachhzudenken. Ausgewählte Textauszüge habe ich übernommen - siehe Allgemeines / Quellen und Fremdtexte / Savater
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| 6. Der gebrochene Wille ... |
... ist auf der psychischen, seelischen Ebene das, was auf der biologisch-körperlichen Ebene die Amputation von Gliedmaßen oder Sinnesorganen wäre. Wer würde seinem Kind mit Absicht einen Körperschaden zufügen? Doch seelische Schäden, insbesondere die frühzeitige Brechung des Willens des Kindes, scheinen noch immer die Norm zu sein. Was die Eltern auf dieser Strecke verpassen, holen viele Lehrer dann nach.
Vielleicht benötigen wir eine Übergangszeit, in der seelische Verletzungeng genauso öffentlich verurteilt werden wie jetzt die Zufügung körperlicher Schäden?
Wenn ein Mensch, dem man den Willen gebrochen hat, das überwindet, wieder einen starken Willen entwickeln kann, geht dieses oft mit Rachegedanken einher ...
Wenn wir so wollen, sehen wir in dem, was als böse, aggressiv bzw. egoistisch dem Wesen des Menschen zugeordnet wird, oft nur die seelischen Verkrüppelungen von gequälten Menschen.
Es gibt viele gesunde Menschen mit einem gesunden Seelenleben und einem starken Willen, einer starken Selbstdisziplin, die als Maßstab für das zukünftige Menschenbild gelten können ... |
In der Tierhaltung, setzt sich die Erkenntnis bereits langsam durch, daß es besser ist, den Willen der Tiere nicht zu brechen. Ich denke an das "Zureiten" der Pferde und die Arbeit der "Pferdeflüsterer"... |
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| 7. Die Versuchung |
Der Teufel gilt als Symbol der "Versuchung", als der große Versucher. Menschen in Versuchung zu führen, so daß diese etwas tun, das ihnen schadet, soll ein "höllisches Vergnügen" für einige unserer lieben Mitmenschen sein.
Doch Jesus betete und so beten heute Christen auf der ganzen Welt im "Vater-Unser" zu ihrem Gott:
"Und führe uns nicht in Versuchung ..."
Das ist ein äußerst interessanter Aspekt der Versuchung:
Gott führt die Menschen in Versuchung. Denn sonst müßten sie ihn ja nicht bitten, es nicht zu tun. |
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| 8. Die sittliche Reife |
Nicht umsonst ist es in allen Kulturen üblich, die Handlungsfreiheit der einzelnen Gruppenmitglieder durch verschiedene Methoden einzuschränken. Am bekanntesten ist der Übergang von der eingeschränkten zur vollen Handlungsfreiheit durch Gesetze wie hier in Deutschland: die "Mündigkeit" bzw. Verantwortlichkeit der Kinder und Jugendlichen steigert sich mit dem Lebensalter: mit 18 Jahren ist der Mensch "volljährig" oder - wie es früher hieß - "vollreif" und erst ab dann auch voll für seine Handlungen eigenverantwortlich. Bis zum Alter von 18 Jahren tragen die Eltern die Verantwortung für das Handeln ihrer Kinder "Eltern haften für ihre Kinder".
Ab einem Alter von 18 Jahren darf er sich an politischen Wahlen beteiligen, seine Finanzgeschäfte selbständig führen usw.
Eine andere Art der Handlungsfreiheit bzw. Einschränkung derselben ist die Kopplung an eine Qualifikation: Auto fahren darf nur, wer einen Leistungsnachweis erbracht hat und eine Prüfung abgelegt hat. Wer ohne einen solchen Befähigungsnachweis beim Autofahren erwischt wird, wird bestraft.
Es gilt: Wer Auto fahren will, muß nachweisen, daß er es auch kann. |
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