| 1. Wie die Idee entstand |
Vor etwa 13 Jahren hatte ich erstmals diesen Gedanken: Mir ging wieder einmal im Kopf herum, daß eine Höherentwicklung der menschlichen Gesellschaft voraussetzt, daß die individuelle Freiheit der einzelnen Menschen erhöht wird: Eine wirklich freie Gemeinschaft ist erst gegeben, wenn in ihr niemand mehr aus äußeren Zwängen heraus etwas tun muß, was er gar nicht tun möchte. Damals fiel mir als Kurz-Fassung dieser Idee plötzlich dieser Satz ein:
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"Jeder kann machen, was er will
- oder es versuchen." |
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Der zweite Teil des Satzes ist dabei eigentlich der wesentlich wichtigere. |
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| 2. Eine Episode |
In dieser Entstehungszeit meiner Idee, mein Sohn Andreas war etwa 9 Jahre alt und sein Cousin 13 Jahre, unterhielten wir uns über diesen Satz. Ich wollte wissen, wie sie darauf reagieren würden. Mein Neffe sagte plötzlich: "Dann könnte ich ja Andreas umbringen?"
Ich erschrak sehr:
Ist das der erste Gedanken eines Menschen, wenn er frei handeln kann, etwas ungestraft zu tun, das anderen schadet?
Wie sollte ich antworten? Sollte ich "ja" sagen? An diese Konsequenz meiner These hatte ich absolut nicht gedacht, doch sie war wichtig, das wurde mir schlagartig klar.
So erwiderte ich : "Ja, aber willst du das denn?"
Nun war es an meinem Neffen, zu erschrecken: "Nein, natürlich nicht!" war seine Antwort.
Ich glaube, in dieser kleinen Geschichte wird das Grundproblem des "Jeder kann machen, was er will." wunderbar deutlich. |
Die Frage von Schuld, Schaden, Strafe usw. in einer künftigen Gesellschaft wird im entsprechenden Thema ausführlicher untersucht.
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| 3. Jeder kann machen, was er will ? |
Wer kann heutzutage "machen, was er will"? Wohl kaum jemand. Es ist heutzutage einfach unvorstellbar, dieses "Jeder kann machen, was er will."
Denn zum einen sind wir alle äußeren Zwängen ausgeliefert, vom Wetter angefangen, über die Notwendigkeit, ständig ausreichend Nahrung, Wasser, Wärme, Luft haben zu müssen und viele andere Dinge auch - fehlt es daran, fühlen wir uns sofort eingeschränkt. Man muß arbeiten, um diese Dinge zu beschaffen, und viele Arbeiten machen keine Freude, man macht sie ungern, eben "gezwungenermaßen".
Das zweite Problem ist, daß wir nicht allein sind, auf andere Rücksicht nehmen müssen, aber nicht immer nehmen andere auch Rücksicht auf unsere Interessen. Ist es deshalb nur eine Utopie, sich vorzustellen, in Zukunft könnten Menschen zusammenleben und jeder macht, was er will? Das muß doch zu Zank, Streit, Kampf, Feindschaften führen - es ist anders nicht vorstellbar, oder?
Doch bei dem, was viele Menschen noch nicht tun können, aber sich wünschen, es tun zu können, handelt es sich überhaupt nicht darum, etwas zu tun, was anderen schaden oder deren Freiheit einschränken könnte...
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Gelegentlich kann man es hören, dieses
"Ach, mach doch,
was du willst!"
- doch so wörtlich meint es wohl niemand...
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4. Wollen
Können,
Dürfen,
Müssen, |
Es gibt sogar gemeinschaftliches Handeln, in dem jeder auf den anderen Rücksicht nehme muß und trotzdem jeder - im weitesten Sinne - machen kann, "was er will": ob es das gemeinsame Fußballspiel ist, bei dem man den Zwängen des Regelwerkes unterworfen ist, ob es die gemeinsame Aufführung eines Theaterspieles ist, in dem jeder seine Rolle zu spielen hat und nicht vom Text abweichen darf oder ob es ein Chor oder Orchester ist.
Diese Beispiele zeigen eines: es gibt eine Art "höhere Freiheit", für die man auch gewisse Zwänge in Kauf nimmt:
Wer in einem guten Orchester mitspielen WILL, der MUSS auch etwas dafür leisten, damit er dort mitspielen DARF und vor allem mitspielen KANN .... |
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| 5. Nicht wie wir wollen, wie wir können leben wir |
Dieser Spruch eines gewissen Menander (gest. 291 v. Chr.) bringt die Sache "auf den Punkt": zwischen Wollen und Können klafft ein Riesen-Abgrund. Dabei meinte Menander nicht einmal die äußeren Zwänge, die vielfach den Handlungsspielraum des Einzelnen einschränkte: er meinte uns selbst: unserer Faulheit, Bequemlichkeit, Schwäche. Wie oft hat man etwas als richtig erkannt und kann es trotzdem nicht "tun oder lassen": das Rauchen, Trinken, zu viel Essen, nicht Sport treiben, .... |
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| 6. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu! |
Dieser Spruch wurde uns in der Kindheit oft gesagt. Etwas vornehmer ausgedrückt heißt er der "Kantsche Imperativ". - Es könnte die Basis des Zusammenlebens sein - wenn sich denn jeder daran halten würde.
Warum halten sich viele nicht daran, warum tun sie anderen Menschen Dinge an, die sie am eigenen Leibe nicht ertragen könnten? Anders gefragt: warum muß einer z. B. " sich rächen", wenn ihm böses geschah, warum kann ein anderer " vergeben", wenn ihm Unrecht geschehen ist? Auch diese Fragen müssen berücksichtigt werden, will man das Phänomen der Freiheit und des freien Willens verstehen und herausfinden, welche Möglichkeiten der Mensch hat, diese Freiheit zu leben. |
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| 7. Freiheit als Maß des Fortschritts |
Wenn wir uns mit den Fragen zukünftiger Entwicklung der persönlichen Freiheit der Menschen befassen, ist es sinnvoll, sich einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung dieser Freiheit in den einzelnen Geschichtsepochen zu machen. Man kann es auf eine ganz kurze Formel bringen: eine Gesellschaft hat so viel Erfolg, wie sie die individuelle Freiheit jedes einzelnen Menschen immer mehr entfaltet. Ob es die Abschaffung der Sklaverei war, die neben ihren ökonomischen Ursachen vor allem Folgen für die Freiheit vieler Menschen hatte, ob es die geschlechtliche Emanzipation in den vergangenen 150 Jahren war - immer entstand ein "mehr" an Freiheit.
Deshalb denken ich, kann man die Freiheit des einzelnen Menschen, sein Leben zu gestalten, als wichtigsten Faktor zur Beurteilung des Fortschritts der Menschheit ansehen.
Ich will es so formulieren: Wenn eine Gesellschaft nicht in der Lage ist, ihre ökonomische Entwicklung in zunehmende indivuelle Freiheit umzusetzen, ist sie historisch auf dem absteigenden Ast...
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Der Sozialismus, der viele kluge Ansätze zur Zukunftsgestaltung einbrachte in die historische Entwicklung, hat ein goßes Problem bei seiner Realisierung:: er konnte die individuelle Freiheit der Menschen, vor allem die "gefühlte Freiheit" nicht wesentlich steigern. Doch sieht man sich die reale Marktwirtschaft an, stellt man zunehmende Einschränkungen der persönlichen Freiheit fest... |
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