| 1. Haben oder Sein? |
Diese Seite meiner Analyse stützt sich wesentlich auf Erich Fromms Buch "Haben oder Sein - die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft". Er brachte seine Erkenntnis, daß Wohlstand und Besitz kein Glück garantieren können und die Heilsversprechungen moderner Technik und Marktwirtschaft nicht eingelöst wurden, auf diese Gegenüberstellung von "Haben oder Sein":
Ist der Mensch, was er hat, was er besitzt?
Oder ist er das, was er ist? Was bestimmt sein "Sein"?
Er erkannte bereits in den 70er Jahren, daß die Frage nach dem Glück und dem Sinn
des menschlichen Lebens heute dringlicher denn je steht und die Basisfrage für die Zukunftsgestaltung schlechthin wird. Er suchte und fand eine Antwort, die über Arbeiten, Konsumieren und materiellem Besitz hinausgeht und wesentliche Überlegungen für eine lebenswerte Zukunft enthält.
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siehe
Quellen
Tierisch gut gelebt
Schuften, klotzen -
produzieren;
fressen, saufen -
und krepieren.
Tierisch gut gelebt. |
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Ich habe sein Buch in den Fremdtexten ausführlich vorgestellt und empfehle, dort nachzusehen: |
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Falls Sie das Buch von E. Fromm noch nicht kennen, lassen Sie sich überraschen, wie aktuell es heute noch und wieder ist - dreißig Jahre nach seinem Erscheinen. |
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| 2. Hartz IV als Fortschritt |
Gerade, weil ich selbst Opfer der Hartz-IV-Gesetze bin, wird mir hoffentlich niemand Zynismus unterstellen, wenn ich behaupte, daß mit ihnen Fortschritt realisiert wird. Noch ist dieser eigentliche Forschritt nur eine eher unerwünschte Nebenwirkung der Gesetzesmacher.
Worin diese fortschrittliche Nebenwirkung besteht, ist kurz und einfach gesagt:
Mehr als 4 Millionen Menschen, die direkt oder indirekt von Hartz IV betroffen sind, haben keine Chance mehr, die "Vorzüge" der Marktwirtschaft zu genießen und noch einmal zu Wohlstand zu kommen. Materiell gesehen, leben sie auf einem gerade die physische Existenz ermöglichenden Niveau:
"Zum Leben zu wenig - zum Sterben zu viel."
Doch wir Betroffenen lassen uns nicht unterkriegen. Unser Lebenswille hat längst angefangen, das Leben auch jenseits von Besitz und Ansehen zu genießen. Ich kenne einige, die sich eingerichtet haben und auf einmal ganz neue Genüsse entdecken: die Natur, die viele Freizeit, die sie jetzt haben, um das tun zu können, was ihnen gefällt. Sie müssen sich nicht mehr mobben lassen, dem Arbeitgeber nicht mehr sonstwohin kriechen, sie können ausschlafen, lesen, malen - Dinge tun, für die das Arbeitsleben ihnen keine Zeit ließ und die alle gar nicht so sehr an Besitz gebunden sind.
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Viele der Hartz-IV-Empfänger leben bereits mehr in der "Seins-Sphäre" als mancher Reiche!
Ein weiterer nachdenkenswerter Aspekt der Konsum-Grenzen wird mit Hartz IV deutlich: Noch ist vielen Menschen nicht bewußt, daß selbst ein Hartz-IV-Betroffener in Deutschland auf einem Niveau des Energieverbrauchs lebt, das die Biosphäre der Erde binnen kürzester Zeit vernichten
würde, falls das Lebensniveau alle Menschen auf der Erde, die noch weit darunter leben, auf dieses Niveau angehoben werden sollte. |
Beispielsweise ist zu erwarten, daß die Chinesen, die gerade erst die Konsumlust entdecken, bald ihren Energieverbrauch mehr steigern werden als Europa und USA ihn je werden senken können. Wie will man das kompensieren? Mit Energiesparlampen in Deutschland? |
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| 3. Zu allem bereit aus Angst vor der Armut |
Nein, nicht das ich behaupten will, daß Hartz-IV-Empfänger nicht von Lottogewinn und Reichtum träumen. Doch das sind zwei Ebenen: der Traum und das wirkliche Leben, in dem man eben lernen muß, mit diesem minimalen finanziellen Rahmen so viel wie möglich an Bedürfnisbefriedigung zu schaffen. Es ist eine Herausforderung an Kreativität, der sich die meisten wohl nicht einmal bewußt sind:
"Not macht erfinderisch!"
Doch die Kehrseite der Medaille darf ebenfalls nicht unterschätzt werden:
Aus Angst vor Armut ist so mancher bereit, auch jenseits der Legalität individuelle Armutsbekämpfung zu betreiben: durch Schwarzarbeit, kleine oder größere kriminelle Aktionen, durch die Bereitschaft, wirklich alles zu tun, wofür sie Geld bekommen können.
Eine ehemalige Kollegin sagte einmal zu mir - und es erschütterte mich zutiefst! - : "Ehe ich noch ärmer werde, bin ich zu allem bereit. Ich würde auch einen Mord begehen, wenn er gut bezahlt würde!"
Dabei ist zu beachten, daß die Armen es nicht geschafft haben, andere aber sehr wohl, durch illegale Aktionen aus der Armutsfalle zu entkommen.
Die Angst vor der Armut deformiert nicht nur das Leben der Armen. Auch die Reichen sind davon betroffen: auch ihr Leben würde anders verlaufen, sinnvoller und entspannter, wenn sie aufhören könnten, wenn sie "genug" haben. Doch das geht nicht. In einer so unsicheren Gesellschaft wie der Marktwirtschaft, in der Armut bedeutet, früher sterben zu müssen, ist Reichtum zu erwerben zur ersten lebenserhaltenden Maßnahme geworden, ist gleichbedeutend mit Selbsterhaltung. - Und sie hat eine furchtbare Kehrseite:
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| 4. Besitz wird zur Fessel |
Materieller Besitz ermöglicht zuerst einmal ein selbstbestimmteres, freieres, vielseitigeres Leben als Armut. Doch wir gelangen langsam an die Grenze des Verträglichen: viele Menschen besitzen einfach zu viel. Sie haben mehr als genug und bekommen doch nicht genug!
Die Beschaffung, Unterbringung, Betreuung bzw. Pflege und Sicherung des Besitzes wird zum sich aufschaukelnden Teufelskreis:
Wer ein Pferd hat, muß es füttern und pflegen, wer ein Haus hat, muß Rasen mähen, sich um Reparaturen kümmern, wer drei Autos hat, muß sie auch putzen und fahren.
Wer jeden Tag etwas neues anziehen will, muß ständig rumrennen, neue Sachen zu kaufen. Da bleibt wenig Zeit für lebenswichtige und lebenswertere Dinge ...
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