| 1. Verblödung und Gewalt-Verherrlichung |
In den letzten Jahren zeigt sich ein zunehmender Rückschritt unserer geistig-kulturellen Entwicklung. Das meint nicht gewisse Elite-Leistungen und Großprojekte, das meint die Kultur und das Bildungsbedürfnis der "Masse der Menschen", und die schrumpfenden Möglichkeiten, diese Bedürfnisse auch möglichst vielseitig zu befriedigen. Das meint die Verblödung und Gewaltverherrlichung durch die Massenmedien ebenso wie die Unfähigkeit, die Bildung und Erziehung der jungen Generation auf die Bedürfnisse der nächsten 50 Jahre zu orientieren. Das meint die Krokodilstränen oder das ehrliche Bedauern von Politikern, zusehen zu müssen, wie die Basiskultur immer mehr verfällt.
Der doppelte Maßstab für diese Einschätzung ist einerseits das schon einmal Erreichte und andererseits das entsprechend unserer historischen Situation, unseren materiellen Bedingungen Mögliche und Machbare. |
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Die Fähigkeit zum Umgang mit den explosionsartig wachsenden Möglichkeiten der Informationsgesellschaft wächst nicht gleichermaßen mit. - Langsamkeit im Interesse der Verträglichkeit ist dringend notwendig. Gottes Mühlen mahlen langsam - wir müssen lernen, bei allem Fortschritt das Tempo zu drosseln. Sonst wird aus dem Sprung ein Absturz ... |
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| 2. Der Wert der Lebenszeit |
Ein Beispiel für Gedankenlosigkeit und Vergeudung des geistigen Reichtums mag auf den ersten Blick nicht gleich einleuchten. Doch wenn wir Kindern einen Schulweg von 2 Stunden Busfahrt zumuten, (Zeit, die die Kinder für wichtigste Entwicklungsschritte ihrer Persönlichkeit dringendst benötigen !), dann vergeuden wir bereits geistiges Potential der Zukunft.
Hat wirklich noch niemand nachgerechnet, was es für ein Kind bedeutet, das 10 Jahre lang 5 Tage die Woche 40 Wochen im Jahr 2 Stunden am Tag Bus fahren muß, um in die Schule zu kommen? Das sind 4000 Stunden 'Transportzeit" - in etwa die Arbeitszeit eines vollbeschäftigten Erwachsenen in 2 Jahren.
Was ist uns die Lebenszeit der Kinder wert? |
"Nebenwirkungen" der Busfahrerei sind:
Eltern-Lehrer-Kontakt wird nur noch mit extremen Aufwand möglich. Wenn der Schüler den Bus verpaßt, hat er kaum noch eine Chance, pünktlich zur Schule zu kommen, |
| 3. Werbung und Lehrplan |
Wenn man schon kleine Kinder hört, die begeistert und fehlerfrei Werbesprüche aufsagen können, in der Kaufhalle sich freuen, das beworbene Produkt im Regal entdeckt zu haben - und wenn man auf der anderen Seite von den Bildungslücken unserer Kinder und Jugendlichen hört, dann muß doch wohl langsam offenkundig werden, daß hier etwas total schief läuft.
Der Wiederholungseffekt der Werbung zeigt doch deutlich, wie wichtig es ist, Zeit für Wiederholungen, für Lernen zu haben: Doch das Tempo der Lehrplan-Vermittlung ist für viele Schüler zu hoch. Wichtiges Wissen wird zu wenig wiederholt, zu wenig in Zusammenhang gesetzt, zu wenig anschaulich gemacht.
Warum wehren sich Lehrer, Eltern, Kulturbeauftragte, Jugendarbeiter und Politiker nicht gegen diese Verblödungswelle durch Werbung?
Warum wird die Arbeitszeit der Werbetexter nicht genutzt, Wissen anschaulicher, interessanter und verständlicher zu vermitteln? Gut - die Wissen-Shows im Fernsehen sind ja nicht schlecht, doch das von ihnen vermittelte Wissen ist atomisiertes Faktenwissen. Denken lernen die Zuschauer davon auch kaum.
Inzwischen wird darüber diskutiert, ob Werbung an Schulen zugelassen werden soll! |
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| 4. Der Umgang mit dem kulturellen Erbe |
Eine wichtige Aufgabe der Menschheit ist es, das kulturelle Erbe zu wahren, es lebendig zu erhalten im wörtlichen Sinne: Klassiker müssen gespielt und gelesen werden, klassische Kunstwerke müssen angesehen werden. Doch was passiert hier? Verfremdungen, die nur noch das Wort "Entstellungen" verdienen, machen den jungen Leuten die Aneignung dieses Kulturerbes mehr als schwierig. Die Preisbarriere (Eintrittspreise, Kaufpreise z. B. von Büchern) hindert zusätzlich, Kultur zu bewahren...
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| 5. Eine uralte Analyse: wie ein Professor im Jahr 1985 die Bildungspolitik der BRD einschätzte - erschreckend aktuell |
Im Jahr 1985 sprach in Wittenberg ein Professor Hofmann von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR über Bildungspolitik und Pädagogik in der Bundesrepublik Deutschland. Selten ist mir ein Vortrag so umfassend im Gedächtnis geblieben. Setzt man seine Analyse von damals in Beziehung zu den heutigen Gegebenheiten, wird vieles verständlicher, kann man die heutigen Probleme viel einfacher durchschauen.
Nur einige ausgewählte Punkte des Vortrages, die ich aus meinen sehr umfangreichen Notizen von damals auswähle, will ich hier nennen:
Als erstes führte er ein Beispiel an zur Frage der Planung von Bildung: Er sagte, daß die damals 86164 Bäcker in der BRD völlig ausreichend wären. Im Jahr 1984 begannen rund 43000 Schüler, im Jahr 1985 dann 56000Schüler eine Lehre als Bäcker. Es sei, da nur 4,3 Prozent der Bäcker jährlich als „Abgang“ zu verzeichnen sind, wesentlich über den tatsächlichen Bedarf ausgebildet worden. Das bedeute dann natürlich für die Lehrlinge gleich nach Abschluß der Lehre Arbeitslosigkeit bzw. Umschulung.
Die Weltsituation war damals so, daß von 2,3 Mrd. Kindern und Jugendlichen auf der ganzen Welt lediglich ca. 873 Millionen eine schulische Ausbildung erhielten, viele nur eine Grundschulausbildung von 4 bis 7 Jahren.
Im Zusammenhang mit den Erfordernissen der modernen wissenschaftlichen und technischen Entwicklung und der ständigen Veränderung der Struktur des Arbeitsmarktes (neue Berufe kommen hinzu, einige alte fallen weg) wies er auf die Notwendigkeit hin, daß Bildung vor allem den Drang zum (lebenslangen) Lernen bzw. Weiterlernen entwickeln muß.
Die aus dem technischen Entwicklungsniveau resultierende Einsparung an Arbeitskräften im produzierenden Bereich kann nach Meinung von Professor Hofmann auf zwei Wegen kompensiert werden:
1. durch die Senkung der jährlichen bzw. Lebensarbeitszeit einschließlich der Herabsenkung des Rentenalters,
2. dadurch, daß man Teile der Jugend „von Anfang an >draußen< läßt“, sie also gar nicht erst in den Arbeitsprozeß integriert.
Der zweite Weg ist für kapitalistische Staaten laut Prof. Hofmann der effektivere.
Eine weitere neue Folge sah er voraus: geistige Arbeit wird im Kapitalismus knapp.
Insgesamt ist eine Produktivitätssteigerung über das Jahr 2000 hinaus zu erwarten, bei der mit der Hälfte der jetzigen (also 1985) in der Industrie tätigen Anzahl an Menschen das Dreifache produziert werden kann. |
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| Die alte und die neue Funktion der Schule |
Aus diesem Trend ist ein neues Schulkonzept nötig:
Bisher hatte die bürgerliche Schule den Auftrag, für die Arbeit auszubilden, wobei die Volksschule für die Masse, die Realschule für das mittlere technische Personal und die Gymnasien für „Leitungskader“, also die oberen Managementebenen ausbildete.
Nun, da anspruchsvolle Arbeit knapp wird, erhält die Schule eine neue Funktion:
- sie muß auf der einen Seite eine tätige Elite produzieren und
- eine „müßige Masse vorbereiten“
Es wird eine Geisteselite und eine produktive Elite geben, erstere wird etwa 12 Prozent eines Schul-Jahrganges ausmachen, letztere etwa 30 Prozent .
Der Rest wird dann u. U. dort eingesetzt, wo die menschliche Arbeit billiger ist als die einer Maschine. |
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| Prometheus und Orpheus |
Prof. Hofmann verwendete zur Veranschaulichung dieser Situation ein sehr schönes Bild:
Die Menschen werden in Zukunft in zwei Gruppen geteilt:
die erste ist der „Prometheus“ – Typ: der arbeitende, schöpferisch tätige, zielgerichtet lebende Mensche,
der zweite ist der „Orpheus“ – Typ: der spielende, gedankenlose Mensch ohne Zukunft.
Mit dieser grundlegenden politischen Orientierung ist ein zweite Seite verbunden: wenn die Menschen in zwei neue „Klassen“ getrennt werden, eine arbeitende und eine von Arbeit ausgeschlossene, dann sind beide Gruppen „diszipliniert“: die arbeitenden Menschen müssen Angst haben, bei kritischem Verhalten in die andere Klasse „hinabgestoßen“ zu werden, aus der sie dann keine Chance haben, wieder aufsteigen zu können. Die Gruppe der Arbeitslosen hofft, durch Wohlverhalten wieder den Aufstieg zu schaffen.
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| Anmerkung 2009 |
An dieser Stelle sei aus heutiger Sicht angemerkt, daß die Reformen der vergangenen Jahre einer sich als „sozialdemokratisch“ bezeichnenden Regierung genau diese Tendenz verstärken: der Arbeitslose, der in der Regel das Opfer von Strukturveränderungen auf dem Arbeitsmarkt wird, trägt die Lasten dieses Fortschrittes mit seinem persönlichen Vermögen, mit Einbußen an Lebensqualität und Lebensstandard, mit zunehmendem Ausschluß aus gesellschaftlicher Kommunikation, mit Entwertung seiner Qualifizierung und mit ständiger Angst vor der Zukunft. Hinzu kommen die entwürdigenden Prozeduren in der „Arbeits-Agentur“, die ihn zu jeder noch so schlechten und unterbezahlten Arbeit zwingen kann! – Die Verschärfung mit Hartz IV, die Ein-Euro-Jobs als moderner Version der Zwangsarbeit zeigen heute - 24 Jahre nach dem Vortrag - ziemlich deutlich, wie zutreffend die Analyse von Prof. Hofmann war. Hier weitere seiner Ausführungen: |
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| Das Verblödungs-Konzept der Volks-"Bildung" im Detail - der "funktionelle Analphabet": |
In der Schule bedeutet dieses Konzept, die Hälfte der Schüler auf ein „Leben ohne Arbeit“ vorzubereiten, daß weniger Wissenschaft , weniger Grundwissen vermittelt werden soll, dafür eine stärkere emotionale Ausrichtung der Schüler erfolgen soll. Kinder sollen stärker mittels emotionaler Bindungen als auf der Grundlage eigener rationaler Einsicht in die Zusammenhänge und Hintergründe der zu beurteilenden Vorgänge entscheiden.
Als Beispiel führte er u. a. aus, daß die bisherige Forderung nach einem Grundwortschatz von 2800 Wörtern in der Unterstufe (Grundschule) in Zukunft „zu viel“ sei: ein „normales Kind könne damit nicht denken“ sei eine entsprechende Behauptung von Bildungspolitikern.
Die neuen inhaltlichen Vorgaben sind so gering, daß für zwei Drittel der Schüler bereits in der 7. Klasse abzusehen sei, daß sie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben werden.
In der Bundesrepublik wirken diesen Tendenzen noch starke bürgerlich-humanistische Traditionen entgegen, in den USA wird dieses bildungspolitische Ziel schon wesentlich schonungsloser durchgesetzt: der „funktionelle Analphabet“ soll produziert werden, der eine Stufe unterhalb der Verwertung seiner Arbeitskraft bleibt. Die andere Seite ist die „gezielte Elitebildung für etwa 50 Prozent der Schüler“. Die theoretische Begründung für dieses Konzept wird aus dem Sozialdarwinismus bzw. Sozialbiologismus gewonnen.
Bildung wird zur Ware gemacht, zunehmend privatisiert. Jede Ausbildung, die über die Grundausbildung hinausgeht, muß privat bezahlt werden. D. h. es ist die „Selbsthilfe der Familien“ notwendig. Es wird zunehmen so sein, daß z. B. bei der Geburt eines Kindes die Paten oder Großeltern eine Ausbildungsversicherung abschließen.
Verkauft wird dieses neue bildungspolitische Konzept mit einer Ideologie bzw. mit Parolen wie:
„Der Mensch soll selbst entscheiden, wie viel, wie lange, mit wem er lernen will.“
„Zur Freiheit gehört auch der Rechtsanspruch, dumm bleiben zu können.“
(Gerade der erste Satz ist sehr zweischneidig: im positiven Sinne (maximale Befriedigung des Bedürfnisses zu lernen) ist ihm voll zuzustimmen, im praktizierten negativen Sinne bedeutet er nur die Rechtfertigung dafür, daß Teile der Jugend bei Bildung finanziell ausgegrenzt werden. Studiengebühren und Eliteuniversitäten werden es richten. – aktuelle Ergänzung B. K.)
Soweit der Auszug aus meinen Notizen von dem Vortrag Prof. Hofmanns. |
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