aus dem Interview mit Prof. Ruf,
S. 31 - 49 |
"Erschießen wir den Frieden?"
"Wohin werden sich Kriegswaffen und Kriege entwickeln?
Ich denke, das ist sehr wichtige Frage. Krieg hat sich enorm auseinanderentwickelt. Wir Politologen sprechen dann von asymetrischen Konflikten und asymetrischer Kriegführung und in der Tat kann ein nicht hoch industrialisiertes Land keinen Krieg mehr gewinnen. Es gibt Abstandswaffen, es gibt elektronische Waffen, es gibt intelligente Waffen, die den Gegner verteidigungsunfähig machen, bevor man ihn überhaupt erreicht hat oder bevor man ihn zu vernichten sucht. Das ist eben jetzt eine Kriegführung, wo jeder im Vorhinein weiß, wer den Krieg gewinnen wird. Das war beispielsweise im Jugoslawienkrieg so wie es im Irak Krieg jetzt ist. Die Kehrseite der Medaille ist das man - Präsident Bush hat das ja vor anderthalb Jahren schon erklärt, das der Krieg zu Ende sei - dass man einen Krieg zwar militärisch gewinnen kann, damit aber keinen Frieden erreicht.
Diese Art der Kriegführung, die so ungleichgewichtig ist und auf Seiten der anderen Partei ungeheure Opfer fordert, führt dann zwangsläufig in Bürgerkriegssituationen, wie wir sie jetzt in Afghanistan haben, wie wir sie im Irak haben und wie wir sie am Balkan haben würden, wenn die Truppen beispielsweise in Bosnien oder im Kosovo abgezogen würden. Militär ist gar nicht mehr in der Lage, einen dauerhaften Frieden zu stiften, weil durch diese Art der Kriegsführung so viele Verletzungen passieren, so viel Hass erzeugt wird, dass der Konflikt damit nicht zu Ende gehen kann. Das war früher anders, als auf dem Schlachtfeld - übrigens ein wunderschöner Terminus, wenn man ihn sich auf der Zunge zergehen lässt - die Truppen gegenüberstanden und wer gewonnen hatte, hatte gewonnen und wer verloren hatte, hatte verloren. Und man hat irgendwo einen Friedenschluss gemacht. Das wurde noch unter Militär ausgetragen, jetzt sind die Opfer von Kriegen - und das hat auch mit meinem Eingangsstatement zu tun - fast nur noch die Opfer von Zivilisten."
"Wieviel Geld geht eigentlich wirklich in den Wiederaufbau?
Das ist natürlich auch eine sehr ambivalente Geschichte. Wenn Sie beispielsweise den Irak anschauen, wo Firmen wie Halliburton und Bectil den Wiederaufbau machen. Das sind gleichzeitig die großen Rüstungsfirmen, das sind die großen Ölfirmen, das sind die Firmen die, die militärischen Unternehmen mehr oder weniger an der kurzen Leine halten, auch da ist das ambivalent. Es wird am sogenannten Wiederaufbau profitiert. Jetzt müssen wir uns natürlich fragen, was ist eigentlich Wiederaufbau, darüber spricht niemand. Da werden Summen zur Verfügung gestellt, da wird etwas damit gemacht. Wenn wir überlegen dass beispielsweise im Irak die Infrastruktur, die Stromversorgung, die Wasserversorgung heute schlechter ist als vor zwei Jahren, nach zehn Jahren des fürchterlichen Embargos, dem durch Krankheiten, Unterernährung, verseuchtes Wasser mehr als eine Million Kinder zum Opfer gefallen sind, dann fragt man sich, was ist Wiederaufbau?
Dort wird gezielt nur das wiederaufgebaut, was unmittelbar für die Besatzung und für die Kriegsführung wichtig ist und für den Ölexport, der nicht funktioniert, weil der Widerstand permant die Ölleitungen doch wieder sprengt. Also Wiederaufbau ist eine sehr, sehr ambivalente Geschichte. Wenn sie an den Wiederaufbau im Nachkriegseuropa denken, dann war damals die amerikanische Philosophie: Wir müssen hier Arbeitsplätze schaffen. Wir müssen die Wirtschaft wieder in Gang setzen, weil bevor die Leute an Hunger sterben, sie vielleicht zu den Kommunisten abwandern. Das war eine andere Konstellation und die hat andere Antworten gefunden - Marshall Plan war eben etwas anderes. Gut, das war kapitalistischer Wiederaufbau, das muss man schon sagen, aber es war ein Wiederaufbau, der an den Bedürfnissen der Menschen orientiert war, also das Wort alleine sagt wenig."
"Es gibt den Stehsatz: Demokratien führen keine Kriege.
Das ist eine sehr umstrittenes Konzept. Es basiert darauf, dass einige Kollegen mal hingegangen sind und zusammengezählt haben und festgestellt haben, in der Tat, Demokratien führen untereinander keine oder kaum Kriege. Ob das jetzt die Staatsform ist, oder ob es nun daran liegt, dass unter diesen Demokratien sprich USA und Westeuropa 80 Prozent des Welthandels abgewickelt wird? Dass es innerhalb dieses Raums eine Kapitalverflechtung gibt, die es nie in dieser Form gegeben hat, das sollte man auch untersuchen, bevor man irgendwelche Kausalschlüsse zieht.
Diese Demokratien verhalten sich ja nach aussen aggressiver denn je, also es kann nicht an der Demokratie liegen, dass sie friedfertig sind. Ich glaube auch nicht, dass man Demokratie mit Militärstiefel exportieren kann. Wie glaubwürdig soll denn das Demokratiekonzept im Irak sein oder in Afghanistan, wenn man überlegt, dass alleine im Irak über 100.000 Zivilisten umgebracht worden sind, in diesem Krieg? Dass man diesen Krieg nur für die schönen braunen Augen der Menschen dort führt, um ihnen Demokratie zu bringen, das ist denen glaubhaft, mit dem was sie real erleben, nicht zu vermitteln, ganz im Gegenteil - das führt zu soviel Hass und Verzweiflung, dass Terroranschläge, sei es London, sei es Madrid oder sonst was, geradezu Anklang finden und unterstützt werden als Element von Rache - von dumpfer, blinder, wütender Rache."
"Es gibt ja globale Ziele der UNO, wann glauben sie können die real erreicht werden, sind sie umsetzbar?
Natürlich wäre das umsetzbar, es ist die Frage des politischen Willens. Es ist aber auch die Frage der ökonomischen Strukturen und der damit verbunndenen augenblicklichen Profitmöglichkeiten. Und um jetzt mal die Totschlagvokabel zu bemühen - das Kapital denkt nicht langfristig, sondern in kurzfristigen Profitmitnahmen. Es hat damit zu tun, dass wir unsere Wirtschaftsordnung ändern müssten, damit hat es zu tun." |
Dr. Werner Ruf, Professor für Internationale Politik
Uni Kassel
wwww.werner-ruf.net
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