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15. 03. 2009
Gänseblümchen
Heitere Zukunft
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Die Arbeitsmoral in den Märchen
Goldmarie und Pechmarie: " Ohne Fleiß kein Preis!"

Die Pechmarie  im Märchen "Frau Holle" steht als Synonym für Faulheit, die bestraft wird. Die Goldmarie erhält für ihren Fleiß den gerechten Lohn.  Doch sieht man sich die Moral dieses und anderer Märchen an,  erkennt man eine ganz profane Arbeitserziehung, eine Vermittlung des Ideals des fleißig arbeitenden Menschen. Man findet interessante Bezüge zu unserer heutigen Sicht auf Arbeit und Lohn (einer Sichtweise, die nicht mehr zukunftsfähig ist), aber auch Kriterien für  eine "Arbeitsmoral", von der wir heute noch oder wieder weit entfernt sind, die wir vielleicht erst in weiter Zukunft  als "normal" empfinden werden. Die "Arbeitsmoral" steht deshalb in Anführungszeichen, weil es zu dieser neuen Arbeitseinstellung gehören wird, daß sie keine Frage der "Moral" mehr sein wird.
Ja, und dann werden uns die Märchen mit ihrem eigenartigen Lohn-Strafe-System wohl sehr, sehr eigenartig vorkommen, und hoffentlich auch ein bißchen lächerlich.

 Lassen Sie sich einladen, die Märchen auf Geschichten über  die Arbeit zu durchstreifen.
 
Goldmarie und Pechmarie
Das Märchen von Frau Holle, das Ziel der Arbeit und die vier Formen der Arbeit - oder: die Marktwirtschaft und die Moral der Pechmarie
  Aschenputtel
Der später Lohn - ein echtes Märchen: Der Fleiß der einen nutzt der Faulheit der anderen
  Hans im  Glück und das "Ein-Euro-Job-Prinzip": der übertölpelte Arbeiter
  "Tischlein-deck-dich"
Zwerg Nase usw.: Arbeiten, um zu lernen
  Die wilden Schwäne
Arbeiten rund um die Uhr und unter Lebensgefahr  für die Rettung der Brüder - die selbstlose Arbeit
  Der Reisekamerad
unbezahlte Arbeit und ein anrührendes Motiv  -  die ehrenamtliche Arbeit
Goldmarie und Pechmarie
Die Goldmarie arbeitet, damit es ihrer Stiefmutter und deren Tochter gut geht. Selbst lebt sie schlecht. Nicht genug, daß die beiden die faulen  Nutznießer ihrer Arbeit sind, sie schickanieren das Mädchen auch, wo sie können. Bis aufs Blut wird sie gequält. Die Finger bluten, sie hält sie in den Brunnen, die Spule fällt ins Wasser, sie muß hinterherspringen - und nun beginnt die Lehrvorstellung in Sachen Arbeit erst richtig:
Obwohl sie dieses Mal niemanden hat, der sie kontrolliert, der sie bestraft, hat Marie eines gelernt: die Arbeit zu sehen, wo sie notwendig ist: sie erntet die Äpfel, sie nimmt - gerade zur richtigen Zeit - das Brot aus dem Ofen.
Bei Frau Holle  hilft sie, weil sie  darum gebeten wurde und weil  sie von Frau Holle die vermißte Spule wiederbekommen kann. Man könnte auch sagen: sie hat der Mobilitätsforderung entsprochen, war bereit, in die Fremde zu gehen, um Arbeit zu finden. Eigentlich gab es ja zu Hause genug Arbeit, doch hier sind die Bedingungen wesentlich besser.
ABER: das schöne Leben in der Fremde gefällt ihr nicht. Sie will wieder nach Hause, bekommt die Spule und reichlich Lohn dazu.

Zu Hause sieht die andere Marie nur das viele Geld und will es auch haben.  So macht auch sie sich auf den Weg, um sich - das muß man so sehen - zu verkaufen. Sie will für das viele Geld - das ist von Anfang an klar - so wenig wie möglich tun. Sie sieht die Arbeit nicht, rennt an Baum und Backofen vorbei.
Doch erst bei Frau Holle wird die Geschichte richtig gut: Da es ihr nicht um die Hilfe für die alte Frau geht, sondern sie nur um des Geldes willen arbeitet, erlahmt ihr Arbeitseifer schnell. Der Inhalt der Arbeit, das Tätigsein, der Sinn der Arbeit, ihr Nutzen - das alles sind Dinge, um die sich die Pechmarien nicht kümmert. Der Lohn fällt entsprechend aus.

Doch die Pechmarie vertritt genau das Arbeitsprinzip der Marktwirtschaft: So wenig wie möglich geben, so viel wie möglich bekommen. Sich  möglichst teuer verkaufen, nicht unter  Wert und schon gar nicht "umsonst" arbeiten. Es ist völlig egal, welche Arbeit gemacht wird, es geht nur ums Geld, das man dafür haben will.

Noch ein Gedanke kommt mir bei diesem Märchen:
Goldmarie hat das Arbeiten gelernt, die Pechmarie nicht.
 
Die vier Formen der Arbeit zusammengefaßt
Sklavenarbeit
Goldmarie zu Hause: Der Sklave arbeitet ohne Lohn, er erhält nur soviel, daß er gerade leben kann. Er wird gedemütigt und kann der Situation nicht entfliehen.

Selbstbestimmte Arbeit
Goldmarie auf der Wiese, bei Apfelbaum und Ofen: Der Hauptantrieb für die Arbeit ist das Interesse am Ergebnis, egal wem es zugute kommt. Die Arbeit muß jetzt getan werden, sonst verderben Äpfel und Brot. Sie ist die einzige, die diese Arbeit jetzt tun kann, also tut sie sie.

Gute Arbeit für guten Lohn
Goldmarie bei Frau Holle: Es geht ihr gut und die Spule  als Lohn ist ihr versprochen, sie erhält hinterher sogar einen sehr hohen Lohn zusätzlich, sie kann die Arbeit zu jedem Zeitpunkt abbrechen, "kündigen", und gehen. Sie erfährt die Wertschätzung und Dankbarkeit des "Arbeitgebers".

Schlechter Lohn für schlechte Arbeit
Pechmarie bei Frau Holle:   Sie verrichtet ihre Arbeit so schlecht, daß der Arbeitgeber mit Recht den Lohn kürzt. Da sie auch noch Schaden anrichtet (die Kinder warten vergeblich auf den Schnee und sind traurig), muß sie dafür bestraft werden.

Dieses  letzte Prinzip läßt sich wunderbar umkehren:
Für schlechten Lohn darf (dürfte) ein Arbeitgeber  nicht erwarten, gute Arbeit zu bekommen. In diesem Märchen gibt es diese Umkehrung nicht, denn Goldmarie arbeitet auch für den schlechten Lohn zu Hause sehr gut.

Noch anders ausgedrückt: Das Prinzip des schlechten Lohnes untergräbt die Marktwirtschaft, denn es führt auf Dauer zu einem Nachlassen der Motivation der Arbeiter. Denn in der Lohnabhängigkeit und dem Zwang zur Arbeit, wie er heute für viele gegeben ist, ist das Interesse an dem, was getan wird, sekundär. Wie soll man sonst auch die Arbeit bei Drückerkolonnen, Call-Centern usw. aushalten?
Wenn Arbeiter jedoch interessiert sind am guten Ergebnis der Arbeit insgesamt, also am Gebrauchswert dessen, was sie produzieren (egal ob körperliche oder geistige Arbeit), wenn sie mit ihrem Lohn gut existieren können, dann   sind sie auch eher bereit, Höchstleistungen zu bringen.
 
Aschenputtel
Die andere Version des fleißigen und unterbezahlt arbeitenden Mädchens, die so viele Frauen heute noch am eigenen Leib zu spüren bekommen, geht - typisch Märchen - gut aus: sie bekommt ihren Prinzen und die bösen Weiber, die ihre Arbeitskraft genutzt haben, um selbst faul zu sein, werden bestraft.

Doch eigentlich gibt es hierzu noch eine weitere Interpretationsmöglichkeit:
In einer Zeichentrickversion  sind die Stiefschwestern gar nicht faul, sie geben sich dem "Müßiggang" hin: sie tun was für Körper und Geist und Seele: sie treiben Sport, lernen Klavier spielen und tanzen, haben Zeit, sich zu bilden ...

Wenn die notwendig zu verrichtende Arbeit nicht von Aschenputtel allein gemacht werden müßte, wenn sich alle daran beteiligten, hätten auch alle genug Freizeit für diese Dinge, für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit.

Das "Aschenputtelprinzip" ist bis heute aktuell:
noch immer kaufen sich Leute, die genug Geld haben, die Lebenszeit anderer billig ein, um sich vor der notwendigen Arbeit, die sie sonst selbst machen müßten, zu drücken:
Ein Rechtsanwalt, der z. B. in einer Stunde 60 Euro verdient (ich vermute mal, das ist noch untertrieben), kauft sich für 5 oder 10 Euro eine Putzfrau, die sein Büro sauber hält. Will die Putzfrau eine Gegenleistung vom Rechtsanwalt kaufen, muß sie 6 bis 12 Stunden arbeiten, um eine Stunde des Rechtsanwalts kaufen zu können.

Wir haben also mit dieser unterschiedlichen Bezahlung von Lebenszeit auch noch ganz nebenbei ein Prinzip von wertvollerer und minderwertigerer Lebenszeit eingeführt.

 
Übrigens schadet es keinem, wenn er diese für sein Leben notwendigen Arbeiten  selbst macht. Die Erfahrungsebene, in die man sich dabei begibt, ist sehr wertvoll. Ein japanischer Arbeitgeber wurde im Dezember 2008 oder Januar 2009 in den TV-Nachrichten vorgestellt, der seinen Mitarbeitern das kollektive Putzen der Firma verordnete und selbst mit gutem Beispiel voranging. Er meinte, das schaffe eine ganz andere Weltsicht und auch eine gewisse "Demut" - er bezog es auf sich selbst, wohlgemerkt.  Das war seine Erfahrung mit dem Putzen.
Das erinnert ehemalige DDR-Bürger bestimmt an NAW und "Subotniks". Mehr darüber in Arbeit + Spiel unter "Arbeit als Gemeinschafts-Erlebnis"
Hans im Glück und das Ein-Euro-Job-Prinzip
Die Bezahlung für seine Arbeit wird ihm abgegaunert - eine völlig reale  Situation. Viele von uns haben es auch schon erlebt, daß sie für ihr schwer erarbeitetes Geld nur Pfusch und minderwertige Ware eintauschten.
Doch Hans hat etwas viel wervolleres aus seiner Lehrzeit mitgebracht: er hat Arbeiten gelernt, er hat gelernt, eine gute Arbeit zu machen.  Er kann sich immer wieder Geld verdienen. Das ist aber das Märchenhafte daran - denn heute nützen selbst beste Qualifikationen oft nichts, wenn man eine Arbeit sucht.

Der Verlust des Lohnes wird von den Kindern, die das Märchen hören, oft als bedauerlich empfunden. Manche können über den dummen Hans lachen, doch vielen - insbesondere Mädchen- tut der arme, dumme Hans oft leid. Warum tut eigentlich heute niemand, der mit dem Lohn oder den dafür gekauften Produkten übertölpelt wird, irgendjemandem leid?

Heute gibt es sogar eine noch einfachere Variante, den "dummen Hans", den Arbeiter zu übertölpeln: der Lohn wird gar nicht erst  in der Höhe ausgezahlt, die der Arbeitsleistung angemessen ist, Überstunden werden unbezahlt zusätzlich geleistet, da kann man an eine ABM-Stelle nur gelangen, wenn man vorher oder zwischendurch "ehrenamtlich" mitgearbeitet hat. Und - wie unser Wirtschaftsmininister von Sachsen-Anhalt kürzlich in einer Fernsehdiskussion verriet - stehen die Leute Schlange, um überhaupt einen Ein-Euro-Job zu bekommen. Die sind noch froh, unterbezahlt arbeiten zu dürfen - die fühlen sich dann auch wie "Hans im Glück", wenn sie einen solchen Job bekommen ...
 
Tischlein-deck-dich usw. - Arbeiten um zu lernen
Schade, kein Märchen heißt "Von einem, der auszog, das Arbeiten zu lernen". Steckt nicht in dem Märchen vom "Tischlein-Deck-Dich" die Aussage, daß jemand, der einen ordentlichen Beruf gelernt hat, immer einen gedeckten Tisch hat?  Eigentlich dürfte ihm dieses Wissen niemand - wie im Märchen den Zauber-Tisch - wegnehmen können.
Es gibt auch den Spruch:
Gib einem Hungernden einen Fisch und er ist für einen Tag satt.
Lehre ihn das Fischen und er kann sich selbst ernähren.

Dieser Spruch gilt nicht mehr: der "Tisch" ist denen, die arbeiten können, auch heute gestohlen worden: sie können sich von ihrer Arbeit nicht ernähren, ihre Ausbildung war für die Katz. Immer wieder müssen sie sich demütigen lassen, daß sie der Gesellschaft (den anderen Arbeitenden) auf der Tasche lägen.

Eine andere Geschichte ist die von Zwerg Nase:
Er lernt einen Beruf sieben Jahre lang. Diese Zeit ist so intensiv und spannend, daß sie wie im Fluge vergeht und er kein Zeitgefühl hat, er denkt, es wären nur wenige Tage vergangen.
Auch das ist eine märchenhafte Situation: wo macht Lernen so viel Spaß? Müssen nicht viele Menschen sich ein langweiliges, ödes, sie nicht interessierendes Wissen aneignen, damit sie ihre Arbeit machen können? Ich nenne als Beispiel nur die Aldi-Kassiererin die die Kenn-Nummern auswendig lernen muß.
Eine Kulturtat wäre es also, die Arbeit unter der Bedingung zu entwickeln, daß das für sie zu erwerbende Wissen gleichzeitig auf das Interesse des Lernenenden / Arbeitenden stößt, ihm Freude bereitet, er gern lernt - Arbeit als Selbstvervollkommnung. Das ist sicher nicht so einfach und nicht sofort zu machen - doch als Zielstellung für zukünftige Entwicklungen sollte dieser Gedanke stärker in politische Entscheidungen einfließen.
Die wilden Schwäne
Arbeiten rund um die Uhr und unter Lebensgefahr - für die Rettung der Brüder
Das Märchen ist allgemein bekannt: die böse Stiefmutter verzaubert die zwölf Brüder in Schwäne und Elisa, die kleine Schwester, erfährt, was sie tun muß, ihre Brüder zu erlösen: Aus Brennesseln Hemden stricken.  Auch als der König, der sie einfach aus dem Wald mitnahm und heiratete, sie verdächtigt, eine Hexe zu sein, weil er den Sinn ihrer Arbeit nicht versteht, arbeitet sie stumm weiter. So arbeitet sie buchstäblich bis zur letzten Minute - noch auf dem Weg zum Scheiterhaufen.
Mit einem einzigen Wort hätte sie ihre Brüder getötet, aber sich vielleicht retten können. Sie hätte auch aufhören können mit ihrer Arbeit, dann wäre sie nicht in Gefahr geraten.  Diese Arbeit aus Liebe, diese Hilfe für andere fragt nicht nach eigenem Lohn, nach eigenem Vorteil: daß ihre Brüder wieder Menschen werden, ist ihr Lohn genug und jede Mühe wert.
 
Der Reisekamerad - und das Prinzip der ehrenamtlichen Arbeit
Unbezahlte Arbeit und ein anrührendes Motiv:
Das Märchen "Der Reisekamerad" von Hans Christian Andersen ist sehr wenig bekannt. Einem armen Burschen stirbt der Vater und er zieht in die weite Welt.  Ich möchte nicht das ganze Märchen erzählen, in dem ein seltsamer Reisekamerad dem armem Johannes hilft, die Prinzessin zu retten und König zu werden.

Mir geht es hier nur um die Beschreibung der Totenehrung und der Grabpflege darin:
Johannes will am Grab seines Vaters Abschied nehmen.

"Aber zuerst schnitzte er ein großes Holzkreuz, um es auf seines Vaters Grab zu setzen, und als er es am Abend dahin brachte, war das Grab mit Sand und Blumen geschmückt. Das hatten fremde Leute getan, denn sie hatten alle den lieben Vater gern, der nun tot war."

Er kommt in ein Dorf und sieht dort auf dem Friedhof einige verwilderte Gräber:

"Draußen auf dem Friedhof waren viele Gräber, und auf einigen wuchs hohes Gras. Da dachte er an das Grab seines Vaters, das bald ebenso aussehen würde wie diese, weil er es nicht jäten und schmücken konnte. Er setzte sich also nieder und riß das Gras aus, richtete die Holzkreuze auf, die umgefallen waren, und legte die Kränze, die der Wind von den Gräbern fortgerissen hatte, wieder auf ihren Platz während er dachte: »Vielleicht tut nun jemand  dasselbe am Grab meines Vaters, da ich es nicht tun kann!» ..."

Ehrenamt heute funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip: Etwas tun um des Ergebnisses der Arbeit willen, nicht um Lohn oder persönlichen Vorteil - und: weil es Freude macht!
 
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