| 1. Atoms und Individuum |
Haben Sie gewußt, daß beide Worte das gleiche bedeuten? Das eine Wort stammt vom griechischen "átomos" ab, wo es eigentlich den letzten, unteilbaren Urstoff der Materie bezeichnete, das andere hat seine Herkunft im lateinischen "individuum" (von dividere - trennen, zerteilen). Die Übersetzung beider Begriffe ist " das Unteilbare".
In der Physik versucht man, die Struktur der Materie zu verstehen, indem man sie in immer kleinere Teile aufspaltet, die einzelnen Teile betrachtet, aus denen die Materie besteht. Lange galt das Atom als letztes, nicht mehr teilbare Teilchen. Bei der Betrachtung der einzelnen Atome werden jedoch die "Beziehungen", die Wechselwirkungen zwischen den Atomen immer weniger berücksichtigt.
In der Gesellschaft findet eine ähnliche Vereinzelung statt: Die Menschen werden immer beziehungsloser. Die Schlagwörter, die diese zunehmende Beziehungslosigkeit beschreiben, heißen Vereinsamung, Entfremdung, Egoismus, Gewalt. Die Familie hat vielfach ihre Bindungskraft verloren, Arbeitsplatz-Suche verlangt "Mobilität" und fragt nicht mehr nach sozialen Strukuren, Freundschaften, Mitgliedschaften in Vereinen. .... Die Einzelheiten dieser Bindungslosigkeit werden später noch ausführlicher durchgesprochen. Hier geht es erst einmal um den Grundgedanken:
Atom und Individuum sind gleichermaßen "abstrakte" Begriffe, die das, was sie bezeichnen, losgelöst von ihren konkreten Bedingungen, der " Umwelt" (in der Gesellschaft der Beziehungen mit anderen Individuen bzw. in der Physik der Wechselwirkungen mit anderen Atomen) beschreiben.
Doch so wie die Materie mehr ist als ein Haufen Atome, so ist auch die Gesellschaft als Ganzes mehr als nur ein Haufen von Menschen. Auch sie ist nur funktionstüchtig, wenn zwischen ihren "Atomen", den Individuen, den "Teilchen" der Gemeinschaft, den Mitgliedern der Gruppe, zwischen den einzelnen Menschen Beziehungen existieren, die sie zusammenhalten und nicht weiter aufspalten.
Was die Kräfte in der Physik und Chemie sind, die die Atome aneinander binden, soll hier natürlich nicht untersucht werden.
Es geht um die "Bindungskräfte" der Menschen untereinander. Warum gehen Menschen Beziehungen ein, wie sind diese Beziehungen einzuschätzen? Wodurch kommt es zu "Beziehungsstörungen" - und vor allem:
Welche gesellschaftlichen Strukturen fördern welche Beziehungen, welches gesellschaftliche Umfeld behindert die Entfaltung von Beziehungen, läßt sie verarmen oder gar verrohen? |
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| 2. Der abstrakte Mensch |
Das " Ding an sich" hat seine Entspechung im abstrakten Menschenbild: auch der Mensch wird abstrakt gesehen, die Umstände, in denen er lebt, die Beziehungen, die er eingeht, werden als Anhängsel betrachtet, die nicht direkt zum Menschen gehören.
Der abstrakte Mensch ist beliebig und austauschbar, so wie einzelne Atome "ununterscheidbar" sind. Ob Herr Müller oder Herr Lehmann den LKW fährt, ob Herr Krause oder Herr Henkel Aufsichtsratsvorsitzender ist, ob der Bundeskanzler Herr Schröder oder Frau Merkel heißt, ist letztlich für das Funktionieren des LKW, des Aufsichtsrates oder Staates sekundär, solange es einigermaßen funktioniert.
Wenn die Gesellschaft die Tendenz zum abstrakten, ununterscheidbaren, beliebig austauschbaren Menschen fördert, ist die logische Konsequen, daß die Menschen mit "Gegentendenzen" reagieren: der Sucht nach Unverwechselbarkeit, Besonderheit, Einmaligkeit, Auffälligkeit, Individualität im weitesten Sinne. |
"Ding an sich" ist ein von Immanuel Kant geprägter Begriff, auf den ich hier nicht weiter eingehen will.
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| 3. Die "atomisierte" Gesellschaft |
Die Parallelen zwischen den "Teilchen" der Materie, die abgespalten und einzeln untersucht werden, und den vereinzelten, einsamen Menschen führt oft zu diesem Vergleich:
Der Begriff der "atomisierten Gesellschaft" ist zum Synonym für die beziehungslose, gespaltene Gesellschaft geworden.
Diese Bezeichnung wurde erfunden, weil sie sehr schön anschaulich macht, daß der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft immer mehr verlorengeht. |
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In einigen Beispielen will ich aufzeigen, wie sehr die Spaltung ("Atomisierung") der Gesellschaft fortgeschritten ist . |
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| 4. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft |
Doch der Mensch ist ein "geselliges Tier". Er ist mit Selbsterhaltungstrieb und Arterhaltungstrieb ausgestattet. Arterhaltungstrieb ist mehr als Fortpflanzungstrieb.
Der Arterhaltungstrieb bedeutet auch, daß Menschen ihr eigenes Leben einsetzen, um das Leben anderer Menschen zu retten, zu beschützen, zu erleichtern: Dienst am Menschen, z. B. in den freiwilligen Feuerwehren.
Arterhaltung bedeutet auch, sich bewußt zu sein, daß man als Mensch ein "Gemeinschaftstier" ist: Das Leben als "Robinson" ist nicht denkbar. Jeder Mensch braucht die anderen Menschen, um überleben zu können. Betrachtet man die geistigen, kulturellen, technischen Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit, so wird deutlich, daß sie zwar auch auf Einzelengagement, aber immer und vor allem auf der Arbeit vieler, von Gruppen bzw. auch der ganzen Gesellschaft beruhen. Mehr noch, unsere Lebensqualität heute ist das Ergebnis der Arbeit unzähliger Menschen in vielen Jahrhunderten.
Tief in jedem Menschen lebt die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Anerkennung, nach Liebe, Zuwendung, Freundschaft, der Wunsch, anderen wichtig zu sein. Es gibt kaum etwas schlimmeres als Einsamkeit ... |
Die Erfindung des Autos hätte nichts genützt, wenn nicht Tausende Menschen sie und die Straßen gebaut hätten und wenn Autofahren nicht so eine Verbreitung gefunden hätte.
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| 5. Sucht nach Nähe usw. |
Sehn-Sucht nach Gemeinschaft, Geborgenheit, Nähe, der Wunsch, gebraucht und anerkannt zu werden, erfährt einerseits in der Leistungsgesellschaft geradezu ein "Auf-die-Spitze-Treiben" hin zum Anerkennungs- und Leistungsdruck. Andererseits werden Beziehungswünsche, die nicht auf Gewinn gerichtet sind, "schlecht gemacht", verspottet oder sogar pathologisiert. Hier will ich nur zwei Beispiele dafür nennen:
- Helfersyndrom: einerseits existiert der Wunsch, anderen zu helfen. Andererseits gibt es Menschen, die mit dieser Hilfsbereitschaft eigentlich etwas ganz anderes bezwecken: andere zu kontrollieren - Helfen als Machtfaktor. Die dritte Gruppe ist die, die aus krankhafter Anerkennungssucht Hilfeleistungen für andere benutzt, eigene Persönlichkeitsdefizite zu kompensieren. Dort mag das Wort "Helfersyndrom" zutreffen. Das Problem ist, daß dieses Wort gern benutzt wird, normale Hilfsbereitschaft zu pathologisieren!
- Sucht nach Nähe: So fand ich in der Vorankündigung eines Filmes eine Frau gekennzeichnet: Ihr Leben ist "geprägt von der Sucht nach Nähe". Wer das liest und bei sich ein ähnliches Bedürfnis verspürt, wird achtgeben, daß diese "Sucht" bei ihm nicht überhand nimmt: er wird Beziehungen kappen, einschränken, sich in Beziehungen mißtrauisch beobachten ... |
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